Emil
Gustafson
Die Braut eines Königs
Aus dem Schwedischen von
Heike Diana Frank
Heilige Übergabe
SELBSTAUFGABE
Die Aufgabe des Geistes ist es, unsere Herzen für Jesus zu
erobern. Aber wie oft trauert Er um unserer Treulosigkeit willen!
Wir weinen, ohne uns selbst aufzugeben. Und jedes Streben,
heilig zu werden, strandet an der fehlenden Übergabe.
Die Treulosen überschwemmen den Altar des Herrn unter Klagen mit
Tränen. Sie haben trotz vieler heiliger Versprechen noch nicht die Erneuerung des Geistes
erfahren, und ich glaube, daß die meisten sich eine tiefere Erlösung verbitten würden,
wenn das zweischneidige Schwert bis zur Wurzel ihres eigenen Lebens hineinschneiden
dürfte. Nein, ihnen fällt es leichter zu weinen als sich dem Herrn zu übergeben, und
sie verwenden eine größere Sorge auf die Berechnung des Segens als auf die Verantwortung
einer heiligen Übergabe. Wenn sie so das Ziel ihrer Sehnsucht, gesegnet zu werden, nicht
erreichen, werden sie sogar aufrührerisch im Geist und sagen: "Es ist eitel, Gott zu
dienen." Ach, der Mensch würde lieber sterben als sich selbst aufzugeben.
Er will lieber große Versprechen abgeben als im Kleinen treu zu sein.
Er mag das Lied "Dein ich bin!" mehr als die Gemeinschaft mit Gottes Lamm auf
dem Kreuzesweg. Wo sind die, die sangen: "Jesus, mein Kreuz ich tragen will, alles
verlassen und folgen dir, arm, nackt, ohne Ehre; du sollst alles werden mir"? Sie
sangen wie das Volk des Herrn am anderen Meeresufer: "Er ist mein Gott, ich will ihn
ehren", aber sie haben niemals eine tiefere Verantwortung für das Leben, das sie
leben, verspürt. Christus hat viele Bekenner, aber wenig Nachfolger; und auch
du, der du "alles auf den Altar des Herrn legtest", willst dein Leben bewahren
und Gott auf selbstgewählten Wegen dienen. Bruder, warum tust du das? Meinst du,
daß auch der, der dem Herrn versprochen hat, treu zu sein, ihm mit einem halben Gehorsam
dienen und Sichems Altar "den Altar des Gottes Israels" nennen kann (1. Mose 33,
20)? Dein Gott ist der Gott Bethels, und nur dort kannst du ihn finden (1. Mose
35,1). Bezahle ihm deine Gelübde.
Wie ein Bräutigam, der von seiner Verlobten verlassen wurde, klagt der
Herr - und nur der, der weiß, was es bedeutet, mit Schmerzen Seelen zu gebären, kann
inetwa verstehen, was diese Klage bedeutet: "Was soll ich dir tun, Ephraim? Was soll
ich dir tun, Juda? Denn eure Liebe ist wie eine Morgenwolke und wie ein Tau, der
frühmorgens vergeht." (Hos. 6,4). "Wenn ich ihm gleich viel tausend Gebote
meines Gesetzes schreibe, so wird's geachtet wie eine fremde Lehre." (Hos. 8,12). Sie
weinen, um die Geistesgaben zu gewinnen, aber gehen fort zu ihren Abgöttern. Wie lange
werden sie weinen? Ich weiß es nicht. Vielleicht das ganze Leben lang.
Der ungehorsame Sohn kann sich der Liebe seiner Mutter nicht durch
Tränen, sondern durch Gehorsam erfreuen. Die Mutterliebe verbietet ihr, durch
verweichlichte Erziehung die bösen Anlagen des Kindes zu fördern, denn ihr Ziel ist die
Grundlegung des Charakters; und darum müssen die Kinder sowohl ihren gerechten Sinn
wie auch ihre vergebende Liebe spüren. Was soll's, wenn auch die Tränen strömen! Obwohl
den Absichten ihrer Mutter fremd, werden die Kinder dennoch einmal zu ihrer Freude
herausfinden, wie hoch sie sie liebte. Sie werden mit der Zuneigung eines Kindes sie
umarmen, je mehr sie unter den Einfluß ihres Willens kommen. Das ist das Geheimnis. Der
Eigenwille muß gebrochen werden. Er gibt alles und fordert alles. Denn Er liebt dich wie
eine Mutter ihr Kind. Und ihr werdet einander verstehen, indem ihr einander habt. Das Ziel
der Züchtigung ist, uns Seiner Herrlichkeit teilhaftig zu machen (Hebr. 12). Wir kennen
Gott durch Sein eigenes Wesen (1. Kor. 2).
Aber so lange der Mensch kein höheres Ziel hat, als gesegnet zu
werden, kann er nicht gesegnet werden, denn nur durch Übergabe an den Herrn kann er
Seiner teilhaftig werden. Er muß sein Leben preisgeben, um in den Genuß von Gottes Leben
zu kommen. Und Gottes Leben zu besitzen ist mehr als Gottes Segen. Danach sehnt sich Sein
Herz, das sich für uns selbst gegeben hat, um eins mit seinem Volk zu sein, wie eine
Mutter nicht gut weniger als sich selbst ihren Kindern geben kann. Der Bräutigam hat
etwas Größeres für seinen Auserwählten in Bereitschaft als "liebliche
Gefühle" oder was wir Segen nennen. Er will ihm das Wissen um Seine Liebe schenken.
Mein Freund! Hast du Ihm, der alles für dich gab, nicht mehr zu
geben - nicht mehr als deine Tränen? Hast du, der du schon von Mutterleibe an Gegenstand
Seiner gewesen bist, kein größeres Begehren als gesegnet zu werden? Wenn Er deine Liebe
so hoch schätzt, daß Er um dein Herz bittet, warum dich dann nicht selbst Ihm geben? O,
zerschlage nicht das Herz des Bräutigams mit falschen Tränen, wie das eigensinnige Kind
die letzten Hoffnungen seiner Mutter zunichte macht. Sing nicht so lange "Dein ich
bin!", bis du von Gott getrennt bist. Keiner hat Macht über die Pforten des Himmels,
indem er ruft: "Herr!" - Christ, wo bist du?
Wir wählen irgend eine Arbeit für Ihn aus, anstatt unser Leben
für Seinen Dienst zu heiligen.
Du willst etwas für Gott machen. Aber sieh zu, daß du nicht unter
denen bist, die Gottes Werk durch ihren Eifer zu reden, wenn sie hören sollten,
hindern. Der Meister wollte sich ihnen offenbaren, aber sie hatten der vielen Arbeit wegen
keine Ruhe, still zu sein; und vielleicht bist auch du auf ähnliche Weise ab und zu von
deinem Freund weggegangen. Sie sind ständig beschäftigt, wie Martha, und haben keine
Zeit zum Hören, bevor nicht irgend ein Grab sich öffnet oder der Sturm sie dazu zwingt,
den Anker auszuwerfen. Und mancher bleibt nicht stehen, bevor der Herr ihn nicht beiseite
genommen hat, dorthin, wo er keinen anderen Laut als die Stimme des Herrn hört. Ein
solcher Aufenthalt in der Wüste der Trauer und des Leidens ist für manche Seele eine
Verlobungszeit geworden (Hos. 2).
Aber derjenige, der irgend eine Arbeit für den Herrn wählt,
macht sogar die Mahnung des Geistes, sein Leben zu heiligen, zu einem Missionsbefehl und
sagt: "Ich kann nicht gesegnet werden, bevor ich nicht aufs Missionsfeld komme."
Und während sie sich selbst die Aufgabe, Zeugen des Herrn zu sein, auferlegt haben, gäbe
es einen so viel größeren Grund, jetzt ihren Platz aufzugeben, wenn sie durch die
Sehnsucht nach dem Sieg Karmels das Wunder des Herrn mit dem Mehlkrug verloren haben. Nun
können sie sogar durch die Umstände Gottes Willen verstehen, denn sie haben Seine
Führung in allem gesehen, und es würde ihnen niemals einfallen, daß der Herr so begabte
Männer und Frauen wie sie dazu berufen hat, Jethros Schafe zu hüten. Indes haben die
meisten Gottesmänner ihren Unterricht in der Schule der Wüste durchzumachen gehabt. Und
sie zitterten sogar nach vierjährigem Studium vor dem Examen des Lebens. Aber es braucht
seine Zeit für den Menschen zu lernen, wie klein und gering er ist.
Wie ein junger Mann nicht zum Befehlhaber taugt, so kann kein
Unerfahrerner teuer erkaufte Seelen ohne Gefahr für Schiffbruch handhaben. Aber sind wir
immer im Bewußtsein dessen, daß die Mission nicht mit schönen Worten, sondern mit Persönlichkeiten
betrieben werden soll? Und haben die jungen Missionskandidaten daran gedacht, daß die
Person selbst der Prediger ist, und nicht die Botschaft, die er bringt? Es geschieht
nicht selten, daß junge Männer in eigener Kraft vorwärts gehen, und anstatt andere zu
gewinnen, mit Not das eigene Leben retten, wie es der Fall war mit einem von des Herrn
eigenen Jüngern. Und hätte er auf die Warnung des Meisters achtgegeben statt seine
Waffen zu ordnen, wäre er nicht gefallen (Joh. 13,38). Und wäre Mose still gewesen, bis
er seiner Aufgabe gewachsen war, hätte auch er sich selbst vor der großen Niederlage
bewahrt. Das Predigtamt macht den Menschen nicht besser, wenn er keine größere Sorge hat
als zu reden. Sogar derjenige, der große Dinge tut, kann so weit von Gott getrennt
sein, daß der Herr sagt: "Ich habe euch nie gekannt." (Matth. 7,23). Davon
haben wir, traurig genug, viele Beispiele.
Die geistliche Arbeit ist keine Zuflucht für schlechte Christen. So
wie der Feind seinen Anfall gegen den Heerführer richtet, sind insbesondere Lehrer und
Prediger der Raserei des Teufels und der Welt ausgesetzt. Wenn jemand es riskiert, seine
Seele zu verlieren, so ist es der Prediger.
Daher ist es nicht die Mission, die den Missionar heiligt. Im Gegenteil
muß der, der auf das Missionsfeld hinausgehen will, geheiligt sein. Und Gottes Ordnung
ist immer diese: geheiligt und gesandt. Gott wirkt, und wir arbeiten, nicht
umgekehrt. Darum ist die Frage nicht, was du tun sollst, sondern, was du sein sollst:
Sein oder dein eigen. Derjenige, der nicht Sein ist, wirkt sein eigenes Werk. Und derer
sind sicher wenige, die in vorbereiteten Werken wandeln (Eph. 2,10).
Aber völlige Übergabe an den Herrn der Mission macht die geringste
Mission erbaulich. Der, der alles um des Herrn willen tut, wird näher an Gott geführt,
indem er Ihm dient. Ein Gefühl heiliger Verantwortung macht den Menschen ernst.
Ein drittes Hindernis für Gottes Werk in unseren Herzen ist, daß
wir durch das Streben, mehr von Gott zu bekommen, nicht mehr von uns selbst geben.
Christus ist eine so nahe Gemeinschaft mit uns eingegangen, daß
wir Glieder seines Leibes sind (Eph. 4). Das neue Leben wird von einer eindrängenden
Lebensfülle gesättigt wie alles innerhalb der Welt der Natur; aber wir werden niemals
mehr von Gott bekommen, wenn Er nicht mehr von uns bekommt. In dem Maße, wie Er uns
besitzt, besitzen wir Ihn. Der Brunnen muß mit leeren Gefäßen ausgeschöpft werden. Die
Seele kann von Gott erfüllt sein, solange wie sie selbst leer ist.
Wer wünscht sich nicht, gesegnet und bis zur ganzen Fülle Gottes
erfüllt zu werden! Wir hungern förmlich danach, sagen zu können: "Alles Deinige
ist mein." Und weil uns alles, was zum Leben und zur Göttlichkeit gehört,
geschenkt ist (2. Petr. 1), ist es Gottes Wille, alle Kinder von ihm zu segnen. Aber wir
werden niemals zur Erfahrung von Gottes Fülle kommen, bevor wir nicht ungeheuchelt sagen
können: "Alles meinige ist Dein." Der Ausgangspunkt für ein göttliches
Leben ist die Selbstaufgabe, die diese Worte beinhaltet. Meine Person, meine Ehre, mein
Einfluß, meine Rechte, meine Zeit, mein Leben, mein Wille, mein Blut - alles ist
Dein (Joh. 17,10).
Derjenige, der zu der Erfahrung kommen will, so zu sein, als ob er
nichts besäße, obwohl er alles hat, darf sein Leben nicht lieb haben. In jedem Punkt, wo
der Mensch für sich selbst lebt, ist er von Gottes Leben unberührt, und die feinste Form
des Eigennutzes ist ein, wenn auch steuerpflichtiger, Amalekiter, der ständig die Seele
beunruhigt. Aber nur der Geist prüft das Herz bis auf den Grund. Nur der Herr kennt die
Tiefe unserer selbstsüchtigen Natur. Nur die Erfahrung Seiner Liebe kann heilige
Beschlüsse in unseren Herzen gebären.
Du fragst, wie du die Reinheit des Herzens gewinnen und ein Gefäß zur
Ehre werden kannst. Übergib dich ganz, bedingungslos, wie du bist, dem Herrn. Was hat der
Ton zu tun, um ein Gefäß zu werden? Überlaß' ihn dem Töpfer. Wie hat meine Feder die
Gedanken einer Person an lebendige Wesen mitteilen können? Sie ruhte nur in meiner Hand.
Ich wirkte und sie arbeitete, nicht aus eigener Kraft, sondern von meinem Willen
beherrscht. Sie war so abhängig von mir, daß es niemandem von meinen Lesern einfallen
würde zu fragen, ob ich feine oder dicke Federn benutze. Und dennoch kann ich ohne sie
nicht auskommen. Eine Übergabe an den Herrn vernichtet allen eigenen Ruhm. Wir sind
schwach. Wir sind nichts. Und dennoch kann der Herr ohne uns nicht auskommen. Sein Herz
wählt uns aus, und wir müssen Sein werden.
Denn der Engel nimmt Er sich nicht an, sondern des Geschlechtes
Abrahams nimmt Er sich an.
ÜBERGABE
Die Braut ist selbst ein Zeugnis vom Weg zum Herzen des Königs.
Die Worte "ein König ist in deren Locken gefangen" geben eine Absonderung für
ihn an. - Das Nasiräergesetz schrieb nämlich vor, daß die Person ihr Haupt nicht
scheren durfte, solange die Nasiräerschaft reichte, und die Locken der Braut sind
folglich ein Bild für die Heiligung der Gläubigen. - Der Heilige Geist bringt ihre
Absonderung zur Wirklichkeit. Und das ist es, was die Gemeinde in der jetzigen Zeit
benötigt: weniger Worte und größere Wirklichkeiten.
Die Warnung vorausschickend, das Werk des Heiligen Geistes bei anderen
nicht nachzuäffen, werden wir mit einigen Beispielen, die der christlichen Erfahrung
entliehen sind, zeigen:
1. Die Bedeutung und Kraft einer heiligen Übergabe
Wenn du auf das Leben derer achtest, die von Gott reich gesegnet
waren, wirst du herausfinden, daß sie gewöhnlich mit einer feierlichen Übergabe an den
Herrn angefangen haben.
Der Schlüssel zu der wunderbaren Kraft, die über einem solchen Mann
wie Pastor Oberlin ruhte, ist zweifellos in der Absonderung für den Herrn zu suchen, die
sein Bund mit Gott beinhaltete. Der Kern von deren Inhalt war wie folgt: "Ich
übergebe dir alles, was ich bin, und alles, was ich habe. Im Namen des Herrn der
Heerscharen entsage ich mich aller früheren Herren, die Macht über mich gehabt haben;
der Freuden der Welt, an welchen ich allzu sehr Gefallen gefunden habe, und aller
fleischlichen Begierden. Ich entsage mich aller vergänglichen Dinge, damit Gott mein
alles werden kann. Ich überlasse dir alles, was ich bin, und alles, was ich habe, meine
seelischen Fähigkeiten, die Glieder meines Leibes, mein Besitztum, meine Zeit. Sei mir
gnädig, du Vater der Barmherzigkeit, alles zu deiner Ehre und im Gehorsam gegenüber
deinen Geboten zu gebrauchen."
Und der Bericht vom vater- und mutterlosen Mädchen Louise Shepler, die
einen so tiefen Eindruck von dem geheiligten und selbstverleugnenden Leben des guten
Lehrers erhielt, daß sie sich das Vorrecht erbat, ihm den Rest des Lebens ohne Lohn
dienen zu dürfen, zeigt uns - mit aller wünschenswerter Klarheit, daß unser Leben im
richtigen Verhältnis zu unserer Absonderung stehen kann und daß sich Gott besonders
derer annimt, die sich ihm heiligen.
Der Ursprung der unmittelbaren Wirkung von George Whitefields Predigten
ist zweifellos die das ganze Leben umfassende Übergabe, die er selbst mit folgenden
Worten wiedergegeben hat: "Als der Bischof seine Hände auf meinen Kopf legte,
opferte ich, wenn mich nicht mein böses Herz betrügt, meinen ganzen Geist, Seele und
Leib dazu, um Gott in seinem Heiligtum zu dienen. Komme, was kommen mag, Leben oder Tod,
Tiefe oder Höhe, werde ich doch hiernach leben wie der, welcher an diesem Tag im
Angesicht von Menschen und Engeln das heilige Gnadenmittel eines Bekenntnis nahm, im
Inneren vom Heiligen Geist bewegt worden zu sein, sich dieses Dienstes in der Gemeinde
anzunehmen. Ich kann Himmel und Erde zu Zeugen nehmen, daß ich mich, als der Bischof
seine Hand auf mich legte, dazu übergab, ein Märtyrer für ihn, der für mich am Kreuz
hing, zu werden. Ihm sind alle zukünftigen Ereignisse und Umstände bekannt. Ich habe
mich blind auf ihn geworfen, und ich übergebe mich in vollem Vertrauen ganz in seine
Hände."
Derart war George Whitefields Übergabe an Gott, und man muß gestehen,
daß sein ganzes restliches Leben die Aufrichtigkeit und Wahrheit dieser bestätigte. Von
seiner ersten Predigt, als fünfzehn Personen zu tiefer Reue über ihre Sünden gebracht
wurden, bis zur letzten drangen seine Worte durch die Herzen der Menschen und legten die
Zuschauer an Jesu Füßen zur Erde. John Newton berichtet von ihm, daß er während einer
Woche nicht weniger als tausend Briefe von solchen Menschen empfing, die während seiner
Predigt wegen ihrer Sünden in Gewissensnot gekommen waren (A.J. Gordon).
Diese Wirkung war wirklich nicht die Frucht einer "anziehenden
Redegewandtheit", sondern der Geisteskraft, die er vom Herrn empfangen hatte, nicht
um Bewunderung zu wecken oder beliebt zu werden, sondern um "ein Märtyrer für ihn
zu werden". Und so wenig Sorge um seine Ehre hatte er, daß er allen persönlichen
Angriffen mit der apostolischen Entzückung begegnete: "Mag Whitefields Name
vergehen, wenn nur Jesus Christus verherrlicht wird." Wenn die Lehrer und Prediger
der Gegenwart so dem Herrn ergeben wären, würde die Mission, glaube ich, die
wunderbarste Zeit erleben, die die Welt je gesehen hat.
Die Gemeinde mag einer solchen Erfahrung Aufmerksamkeit widmen oder
nicht, derjenige, der ein hohes Bekenntnis abgelegt hat, mag dieses mit seinem Leben
verleugnen - die große Bedeutung und Kraft einer heiligen Übergabe kann doch niemals
bestritten werden. Wie ein brennendes Licht für andere leuchtet, indem es selbst verzehrt
wird, so kann ein Christ nur göttliches Licht abgeben, wenn er sein Leben dem Herrn gibt.
Aber der Schritt, den wir meinen, hat eine Bedeutung für den
Gläubigen, wenn er für den Herrn abgesondert ist. Er kann für ein bestimmes Ziel
abgesondert sein und sein Werk mit Fleiß vollbringen, aber dennoch nicht für Gott
abgesondert sein. Es scheint sogar so zu sein, als ob ein Teil Christen für sich selbst
abgesondert ist, und während andere dafür kämpfen zu gewinnen, leben sie gut wie die
Drohne in ihrem Korb, solange es Arbeiter gibt, die den Honig sammeln. Sie wollen solche
Männer hören, die "ein volles Evangelium" predigen, und sie reden gern vom
"höheren christlichen Leben", aber mangeln der Liebe des Geistes, die Gott
durch Opfer dienen will. "Ich habe nichts zu geben", sagte einer von
diesen, "denn ich habe meinen Besitz Gott überlassen." Ein anderer wurde
ermahnt, den Rettungssuchenden zu dienen, aber er antwortete: "Nein, Bruder, ich bin
für Gott abgesondert."
2. Die Seele muß durch Seinen Willen geheiligt sein
Die Sitte, das Ohr des Dieners zu durchbohren, war eine symbolische
Handlung. Von dieser Stunde an war er der Leibeigene seines Herrn, und sein Ohr wurde auf
eine bildhafte Weise rein und geheiligt für den Hausherrn. Das bedeutet Gehorsam (2. Mose
21).
Von Gottes Sohn lesen wir: "Schlachtopfer und Speisopfer willst du
nicht, aber einen Leib bereitetest du mir." Der Leib entspricht dem Ohr, und wie
wurde Er durchbohrt, weil Er dazu geheiligt war, den Willen dessen zu erfüllen, der Ihn
gesandt hatte. Aber gehorsam bis in den Tod war Er wie ein Lamm, wenn es zur Schlachtung
geführt wird, und Er bat, wenn auch unter Tränen: "Vater, nicht wie ich will,
sondern wie du willst." "Und in der Kraft dieses Willens sind wir geheiligt
worden."
Siehe, Gottes Lamm! Sieh, wie Er sich unter den Willen des Vaters
beugte, als der blutige Schweiß rann. Höre Seinen Ruf: "Mein Gott, mein Gott, warum
hast du mich verlassen?" Und frage dich selbst, warum Er, der rein und unschuldig
war, diese abgrundtiefen Qualen erleiden mußte, und was Seine Worte bedeuten: "Es
ist vollbracht." Und," sagt er, "ich heilige mich selbst für sie, damit
auch sie Geheiligte seien durch Wahrheit." (Joh. 17). "Denn mit einem Opfer hat
er die, die geheiligt werden, für immer vollkommen gemacht." In diesem
anbetungswürdigen Willen befindet sich die Quelle zum Leben und Frieden.
Der stolze Blick senkt sich, die hochtrabenden Worte verstummen, alle
Kämpfe werden gestillt und alle Mißtöne sterben beim Anblick des reinen, stillen Lammes
Gottes. O, daß doch alle, die der Heiligkeit nachjagen, erkennten, was es heißt, nicht
durch sittliche Kraft, sondern durch sein Opfer geheiligt zu werden. Es muß
erkannt werden, daß wir dem Herrn gegenüber schuldig sind, uns Ihm so zu heiligen, wie
Er sich uns geheiligt hat. Aber nur durch die Liebe Golgathas kann der Mensch zu einer
völligen Übergabe gebracht werden, weshalb auch die, die durch Sein Opfer geheiligt
worden sind, nur danach jagen, Ihn zu gewinnen. Heilige Übergabe ist die wahre
Frucht der Gemeinschaft mit Gottes Sohn.
Diese Übergabe beinhaltet Gehorsam, von Ihm gewirkt, der
gehorsam bis zum Tode war. Und ich möchte besonders auf eure Herzen legen, daß
Heiligkeit Gehorsam gegenüber Gott ist. Wie ein Diener für seinen Hausherrn
arbeiten kann, ohne dessen Willen zu tun, so kann auch ein Christ für Gott arbeiten und
Ihm wie Saul Opfer bringen und dennoch ein ungehorsamer Sohn sein.
Die Übergabe, von der wir reden, muß der Anfang zu einem neuen
Leben sein. "Ein Leben, das von dem Tage an ganz Gott gehört: gelebt zu werden,
wo Er will, daß es gelebt werden soll; gebraucht zu werden, wie Er will, daß es
gebraucht werden soll; beendet zu werden, wenn Er will, daß es beendet werden soll."
3. Nur durch fortgesetzte Übergabe an den Herrn kann unsere
Absonderung für Gott verwirklicht werden
Viele reden von einer Absonderung vor vielen Jahren, aber ihr Leben
zeugt davon, daß sie nicht dem Herrn ergeben geblieben sind. Ihr Leben hat
seitdem goldene Ernten getragen, aber sie haben wieder angefangen, sich selbst zu leben.
Nun ist das Leben im Niedergang begriffen, während die Wirkungen einer solchen Übergabe
hervorgeholt werden und die Gemeinschaft mit Gott wie das Leben der Natur mitten in der
Erntezeit abnimmt. Die Ernte wird eingeholt, der Herbst beginnt.
Jesu Worte an die Gemeinde in Thyatira haben in den Tagen vor der
Wiederkunft des Herrn ein besonderes Gewicht: "Doch was ihr habt, haltet fest, bis
ich komme." Nicht verwunderlich, daß Jesus uns so oft ermahnt, in Ihm zu
bleiben. Denn gerade an diesem Punkt haben ja so viele den Herrn im Stich gelassen und
ihre Bestimmung verloren. Halte fest, was du hast. Denn die Erde wankt unter der Last von
gesunkenen Geistern.
Das Heil, das Gott Seinen Kindern bereitet hat, ist genauso groß wie
der Erlöser selbst. "Denn die er vorher erkannt hat, die hat er auch vorherbestimmt,
dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu sein." (Röm. 8,29). Seine Macht zu tun, was
Er will, ist zur Genüge bewiesen. Aber die Seele muß vollständig Gott ergeben sein, wie
der Ton in der Hand des Töpfers, um unter den Einfluß Seines Wirkens zu kommen. Wie das
Material in der Hand des Künstlers ruht, so will der Herr, daß wir Ihm ergeben sind. Und
das gilt umso mehr dem, der sich dem Herrn ergeben hat, um in Zukunft ergeben zu sein
und zu bleiben, wie jedes neue Licht ein neues Opfer fordert und das große Ziel eine
tiefe geistliche Erziehung.
Wie der Priester in der Zeit des Alten Bundes das Fleisch des
Opfertieres bis zum Mark aufzuschneiden pflegte, weil das Opfergesetz heilig gehalten
werden sollte, so untersucht auch Christus jedes Opfer, das Er selbst annimmt. Darauf
zielt der Verfasser des Hebräerbriefes ab, wenn er sagt: "Denn das Wort Gottes ist
lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis
zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Markes, und ein Richter
der Gedanken und Gesinnungen des Herzens." Aber er führt die Operation mit der
mildesten Liebe aus.
Eine Übergabe an den Herrn kann in der Hinsicht entscheidend für den
Schluß sein, daß sie unwiderruflich ist, aber die Heiligung ist ein fortschreitendes
Werk. Eine solche Übergabe kann sogar schmerzlos sein, aber es geht nicht ohne Schmerzen,
im Gehorsam der Wahrheit geheiligt zu werden. Es gibt keine Heiligung ohne Schmerz.
Aber die Tränen werden zu Kronjuwelen und die Verluste zur Fülle der
Freude, wenn Er unsere Hoffnungen an den Schönsten unter den Menschenkindern gebunden
hat. Mehr als die Geistesgaben ist der Bräutigam selber, und wir können Ihn niemals für
die Liebe, die er uns erwiesen hat, vergessen. Alles ist nichts ohne Ihn, und nichts ist
alles mit Ihm.
Ein fürstlicher Geist
Die Braut des Lammes hat nicht nur durch Vertrauen, sondern
durch Charakter einen fürstlichen Geist. Vertrauen ist das, für was man gehalten
wird, Charakter ist das, was man in Wirklichkeit ist. Und was man ist, beruht im
wesentlichen auf das Leben des Herzens.
1. Die Braut des Lammes ist wegen ihrer Reinheit schrecklich. (Hoh.
6,4).
Der Tierbändiger beherrscht den Löwen mit seinem Blick. Ein
geheiligter Mann züchtigt den Sünder mit seinem Auge. Jesus wandte sich um und sah
Petrus an, und dieser ging hinaus und weinte bitterlich. Der leichtsinnige Haufen flieht
vor einem strahlenden Angesicht (2. Mose 34,30). Der Tod weicht vor einer versiegelten
Stirn (Offb. 7,3). Solange der Mensch rein war, herrschte er über alles.
Ein Kind hat durch seinen klaren Blick und sein reines, offenes Wesen
größere Macht als mancher Sünder. Die weltüberwindende Größe ist einer Seele
gegeben, die das Hohelied "meine Taube" nennt. Die Reinheit des Herzens
bringt den Weltüberwinder hervor. Ein gutes Gewissen macht den Menschen freimütig.
"Ich habe die Kraft von zehn Männern", sagte Tennyson, "denn mein Herz ist
rein."
Aber nur der, der von der Welt unbefleckt ist, kann auf die Umgebung
einen heiligen Einfluß ausüben. Wecke eine Gemeinde reinen Herzens auf, und der Sünder
wird zitternd zum Thron der Gnade kommen.
2. Die Braut des Lammes gewinnt durch die Reinheit der Absichten
Achtung
Reine Absichten flößen Vertrauen ein. Viele Mängel, die der
Ausführung der Handlung anhaften, werden durch gute Absichten ausgeglichen. In einer so
falschen Welt wie dieser muß man jeden edelgesinnten Mann und jede edelgesinnte Frau
hochschätzen. Wir lehnen uns im Vertrauen gegen einen jeden, der es gut mit uns meint.
Kleine Handlungen mit edlen Absichten gleichen den Korallen, die sogar Inseln in der
Südsee gebaut haben. Obwohl unbekannt üben sie einen großen Einfluß aus und gewinnen
mehr Achtung für sich als die Opfergaben der Pharisäer. Hast du den Unterschied bei den
Charaktären im Gericht bemerkt? Die Untreuen waren nicht unwirksam gewesen. Sie hatten
alles getan - aber nichts ausgerichtet. Denn die Absichten waren nicht rein. Der
persönliche Wert des Menschen liegt in seinen Vorsätzen. So wie die Absicht, so der
Charakter.
Der gleiche Gedanke wird von Paulus in seiner ausgesuchten Schilderung
der christlichen Liebe ausgesprochen, wenn er die Handlung und den persönlichen Wert mit
den Absichten vergleicht. Er spricht auf die erhabenste Weise von der Quelle jedes frommen
und edlen Beweggrundes, sagend: "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete
und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle. Und
wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnisse und hätte
allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich
nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib brennen und
hätte der Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze."
Der, der Barmherzigkeit ohne Liebe übt, ist ein Heuchler. Und was ist
die menschliche Eitelkeit im Dienste der Wohltätigkeit? Der verkleidete Hohn über
einsame und verzweifelte Herzen. Der, der nie etwas von sich selbst gibt, gewinnt auch
nichts von anderen. Man steht ohnmächtig vor den Gewissen der Menschen in Ermangelung der
Herzen gewinnenden Kraft der Liebe. Die Welt kann nicht durch Worte gerettet werden,
sondern durch Eindruck.
Was für einen Eindruck hat die Umgebung von dir bekommen? Ist der
Umgang mit dir dazu geeignet gewesen, Ehrfurcht und Achtung vor dem Lamme Gottes
einzuflößen? Ich fragte einen jungen Mann, der bezweifelte, ob es einen wirklichen
Christen gäbe: "Ist das wahr? Bist du niemals mit einem lebendigen Christen in
Berührung gekommen?" - "Doch", sagte er mit einem Ernst, der meine
Bewunderung weckte, "mit meinem alten Vater."
3. Die Seele der Braut übt durch den Geist, der sie beseelt, einen
guten Einfluß aus
Als Christ auf dem Weg nach Zion zum "Markt der
Eitelkeit" kam, erregte er durch seine Sinnesabwesenheit Aufsehen. Er war nicht dort
mit seinen Interessen, und auf ihre Frage: "Was kaufst du?" antwortete er:
"Ich kaufe Wahrheit!". Und die allgemeine Meinung richtete sich gegen Christ,
weil er nicht von dieser Welt war. Nur darum! Mancher sagt, daß er nicht mit der
Freundschaft der Welt brechen kann. Treibe die Welt aus seinem eigenen Herzen, und mit der
Freundschaft ist es aus.
Der Sieger sah eine Goldkette zu seinen Füßen liegen und sagte einem
Mann: "Heb die Kette auf, denn du bist kein Themistokles." Laßt uns eine
weltüberwindende Kraft in die Hoffnung der Christen legen, indem wir für die kommende
Welt leben. Die Gemeinde wird die Welt gewinnen, indem sie auf sie verzichtet, und
andere in sittlicher und geistlicher Hinsicht heben, indem sie selbst auf dem Grund der
Wahrheit steht. Wie der Erfinder der Hebelkraft sagte: "Gib mir einen festen Punkt
außerhalb der Erde, und ich werde sie heben."
O, wie sehr eine Menschheit, die im Irdischen versunken ist, die Hilfe
von geistlich gesinnten Männern braucht! Überall um uns herum sehen wir Menschen,
die durch eifriges Streben nach Irdischem ihre Ewigkeitssehnsucht töten und ohne Hoffnung
sterben. Wenn diese unter den Einfluß eines heiligen Umgangs kämen, würden viele, die
nun in einem fremden Land sterben, in das Vaterhaus eingehen.
Der irdisch Gesinnte erhebt keinen zum Himmlischen, wenn er auch mit
Engelszungen redete, und der Heuchler fällt nicht vor dem nieder, der unwahr ist (Offb.
3). Was die Welt braucht, ist, den Einfluß geheiligter Männer zu verspüren, die das
sind, was sie bekennen, aus Gott geboren: Wir stehen alle in einem solchen
Verhältnis zu der Menschheit, daß wir an ihrer Heiligung mitwirken können, wenn wir
selbst geheiligt sind. Es gibt eine überfließende Kraft, die die Wissenschaft
Magnetismus nennt; aber auf dem sittlichen Gebiet eine noch mächtigere Kraft, die, in den
Dienst der Gerechtigkeit genommen, eine wiedergebärende Wirkung ausübt. Und in diesem
Licht, welche Bedeutung bekommen da nicht die Worte Jesu in Matth. 5,13: "Ihr seid
das Salz der Erde!"
Niemals könnte wohl Er, der selbst das Leben und die tiefe,
ungetrübte Wahrheit ist, einen stärkeren Ausdruck für die Lebensanschauung, die Er
Seinen Jüngern vermitteln will, geben. Sie sollten nur das Licht der Welt sein. Nein, sie
sollten gleichzeitig durch den Geist in ihrem Leben eine durchgreifendere Wirkung
ausüben, und durch diese Kraft sollten sie nicht nur die Welt zivilisieren, sondern
daneben und insbesondere sie wiedergebären. Ein Christ kann äußerlich das "Licht
der Welt" sein, aber des Geistes mangeln, der ihn zum "Salz der Erde"
macht; und dort, wo das Verhältnis so ist, wirkt er mehr auf den Verstand seiner Umgebung
ein als auf das Gewissen. Und hierdurch können wir erahnen, warum das beispielhafteste
Leben mitunter der heiligen und wiedergebärenden Kraft mangelt. Denn die Beschaffenheit
unseres Herzens übt einen größeren Einfluß aus als unsere Worte.
Der, der im Kaleidoskop im Panoptikum von Kopenhagen hinaufgestiegen
ist, ist von allen Seiten von Menschen umgeben. Aber das sind nur reflektierte Bilder, die
durch Spiegel hervorgerufen werden, und die große Gesellschaft hat ihr Interesse
verloren, wenn man die endlose Spiegelung seiner selbst entdeckt. Die Person, die
hinaufgestiegen ist, wird bis in die Unendlichkeit vervielfältigt. Und je mehr Einfluß
wir haben, desto größer wird die Vielfalt und Ausdehnung der Geschöpfe, die unser Leben
hervorbringt. Wenn das Naturgesetz und Leidenschaften von den Eltern zu den Kindern
überführt werden, so müssen auch die menschlichen Werkzeuge für Gottes Offenbarung in
der Welt von großer Bedeutung sein. Wenn die Gemeinde besser ihrer Aufgabe, eine
geistliche Mutter zu sein, entspräche, würde vielen Abfällen und äußerlichen
Bekehrungen vorgebeugt werden. "Wie die Mutter, so die Tochter." Und niemand
lebt für sich selbst.
So sind wir vor unseren Mitmenschen nicht nur für unsere Worte und
Handlungen verantwortlich, sondern auch insbesondere für den Geist, der uns beseelt.
Manche Seele würde einen Reinigungsprozeß gebrauchen, der durch Mark und Bein geht. Und
Gott gebe, daß dies bald geschehen möge! Mein Freund, wie ist es mit dir?
4. Die Braut des Lammes hat durch das Leben, das sie lebt, einen
fürstlichen Geist
Die Natur herrscht durch Leben. Dessen lautloser Triumph ist eine
Äußerung der schöpferischen Kraft. Wenn du den Stamm des Baumes verletzt, gießt er
Balsam in die Wunde und tröstet gleichsam mit untergebenem Weinen. Die Blumen des Sommers
welken, um das Leben einer anderen Pflanze zu entwickeln und sich selbst
wiederherzustellen.
Das wahre Christentum ist Leben. Und dieses Leben ist in Gottes Sohn.
Er gab Sein Leben in den Tod, damit wir Leben die Fülle haben (Joh. 10); und als
das göttliche Leben durch das gebrochene Herz des Menschensohnes hervorbrach, begann die
Wiedergeburt der Welt. - - Selig sind die, die geboren sind, nicht aus sittlicher Kraft
oder menschlichem Einfluß, sondern aus Gott. "Ich gebe ihnen ewiges Leben,
und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit."
Durch die neue Geburt sind wir in ein Verwandtschaftsverhältnis mit
dem Himmlischen gekommen, und die himmlische Welt ist nicht fremd für uns. "Wir aber
haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir
die Dinge kennen, die uns von Gott geschenkt sind." Während der Weltmensch das
Vergängliche sucht, darf ich mit Christus im Himmlischen leben und durch endlose
Herrlichkeiten verwandelt werden, die ich jetzt erst teilweise begreifen kann. Und
wie dick auch die Schatten der Erde fallen, wird doch der Thron der Gnade nie vernebelt,
wo der Herr selbst über uns mit der Sehnsucht der Liebe thront. Wenn Er auf uns
herabschaut, sind wir Sein in anbetender Liebe. Das Leben ist Christus. Unsere Lust ist
der Umgang mit Ihm. Unsere einzige Leidenschaft ist Jesu Liebe. Unser Lebensziel ist, Ihn
zu gewinnen. Gelobt sei Er!
Das Glaubensleben kann nicht durch ausgesuchte Ideale genährt werden,
sondern nur vom Leben selbst, und es kann sich nur selbst erklären, denn es ist
"verborgen mit Christus in Gott", und "die Welt kennt uns nicht".
Dieses Lebens sind alle Gotteskinder teilhaftig, obwohl wir das Leben nicht mehr kennen,
als wir es selbst leben. Denn "das Leben ist das Licht der Menschen", und nicht
nur das Wissen darüber.
O, daß wir doch eine kräftigere Korrespondenz mit der himmlischen
Welt hätten und so völlig dem Herrn ergeben wären, daß sich Christi Leben in unserem
sterblichen Fleisch offenbaren würde! Die Welt würde dann keine Macht mehr über uns
haben.
Sollten wir, die wir dazu berufen sind, im Leben zu herrschen, uns
voranschleichen wie entwaffnete Krieger und die Welt für unser Bekenntnis des
christlichen Glaubens um Entschuldigung bitten? Das sei ferne! Sicherlich sind die Täler
unseres Landes mit Eisenwagen besetzt, aber der Siegesfürst wohnt in uns, und noch einmal
wird der Ruf erschallen: "So werden viel mehr die, welche die Überschwenglichkeit
der Gnade und der Gabe in Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den einen,
Jesus Christus." (Röm. 5,17). Viel mehr! Viel mehr!
"Viel mehr!" ist der Heeresruf der Gläubigen. Die Waffen der
Gemeinde gegen den Teufel sind nicht "Ströme der Musik", sondern Ströme des
Lebens. Sie verschwindet nicht in Ermangelung der Predigt des Wortes und hat genügend
viele Prediger, aber sowohl sie selbst als auch ihre Diener verraten einen schreienden
Bedarf an Leben.
Laßt uns darum zu großen Empfängern am Thron der Gnade werden und
Achtung für Gottes Evangelium bei einer nach Seligkeit dürstenden Welt gewinnen.
EIN FÜRSTLICHER CHARAKTER
Die Kinderseele kann voll von guten Vorsätzen sein, aber
dennoch entarten, wenn sie nicht von einer guten Erziehung unterstützt wird. Aber nicht
einmal diese wäre genug. Die Seele muß von einer würdigen Person, die das Vertrauen des
Kindes gewonnen hat und diesem entspricht, neue Impulse empfangen.
Auch wir müssen Gegenstand der Erziehung des Heiligen Geistes sein.
Der, der glaubt, in einem Augenblick vollkommen zu sein, betrügt sich selbst. Die
unzählig vielen Mängel, die einer menschlichen Natur anhaften, zwingen uns unter das
Gesetz für die Entwicklung des neuen Lebens. Und das hohe Ziel, zu dem Gott uns berufen
hat, sollte einen Christen zu heiliger Übergabe an den Herrn mahnen.
Der, der eine unbegrenzte Geduld und eine gezügelte Zunge hat, geht
siegend durch die Welt. Aber es ist nicht so einfach für den, der "befehlend"
gewesen ist, untergeben zu werden, und wie schwer hat es doch der, der seine Zunge
kultiviert hat, die Sprache des Kreuzes zu lernen; und wie beharrlich kämpft das neue
Leben gegen all diese Eigenschaften, die allzu menschlich sind, um von einem besseren
Vorsatz verborgen zu werden! Wenn der Geist Gottes diese das ganze Leben umfassende
Erlösung durchführen will, hat Er unzählig viele Hindernisse zu bekämpfen, und die
Seele wird zum Bewußtsein festgewurzelter Gewohnheiten gebracht, was sie zum Kampf für
die Erlösung des Lebens treibt.
Da gilt es für einen Kriegsmann Jesu Christi, sattelfest zu
sein. Es ist genug, einen kräftigen Geist zu haben. Hier muß die Handlung dem Beschluß
folgen und der Mensch Erfahrung fürs Leben durch Übung in wahrer Göttlichkeit
gewinnen. Denn sogar der, der es gut meint, kann durch seinen Unverstand großen Schaden
anrichten, und der, der vor Eifer glüht und innerlich zeugt, kann in seiner Umgangsweise
Fehler machen, wie der Soldat nicht immer derselbe im Feld ist wie bei den
Manöverübungen.
Wer hat nicht durch Fehler lernen müssen? Wer ist nicht durch
die Züchtigung des Geistes so gedemütigt worden, daß er sogar sich selbst verabscheut?
Und dennoch ist man während dieser Zeiten geschickt gemacht worden, Gott auf göttliche
Weise zu dienen. Der Herr weiß unter den Zeiten der Züchtigung unsere Herzen durch Seine
Liebe an Sich zu binden, so daß unsere Liebe zu Ihm unserer Absonderung entspricht.
Daher können wir niemals genug das Gewicht davon, Gott ergeben zu
sein, betonen, damit wir nicht durch Eigenarbeit unter die Werke des Gesetzes kommen, denn
Gott ist der, der in uns sowohl das Wollen als auch das Vollbringen schafft, damit Sein
guter Wille geschehen kann (Phil. 2,13), und unser Kampf, Vollkommenheit zu gewinnen, muß
ein Kampf des Glaubens sein, ein Aneignen dessen, was wir schon besitzen. Diese
Lehre von der Heiligung durch den Glauben ist genauso deutlich in der Heiligen Schrift
dargestellt wie die Rechtfertigung durch den Glauben. Aber die Heiligung ist ein
fortschreitendes und mit heiliger Übergabe vereintes Werk, während die Rechtfertigung
eine abgeschlossene Handlung ist.
Daher werden wir immer bei denen, die geheiligt sind, ein
Vorwärtsgehen finden, das von ungeheuchelter Demut und bescheidenem Ernst geprägt ist.
Und der kleinste Grund, mit einem gottesfürchtigen Mann zu spaßen, wird nach und nach
spurlos verschwinden.
Durch Seine Offenbarung als König für uns will Er uns mit einem
fürstlichen Geist bekleiden, aber auch Seine Auserwählten zu einem fürstlichen
Charakter vervollkommnen. Wir werden mit einigen Beispielen, die der alten biblischen
Zeit entliehen sind, zeigen, auf welche Weise und zu welchem Zweck Gottesmänner Fürsten
wurden.
Wir werden zuerst den fürstlichen Geist beim PATRIARCHEN JAKOB
betrachten. Hätte er nicht ein prächtiger Geschäftsmann werden können, der
verschlagene Jakob? Und dennoch war er zum Fürsten erkoren worden. Daher ging sein Weg
geradewegs gegen die Natur. Ein anderer ergriff ihn und führte ihn dorthin, wohin er
nicht wollte.
Von der denkwürdigen Nacht in Beer-Sebas Wüste an hatte Jakob mit
Gott in Berührung gestanden, um gemäß Seiner Verheißung gesegnet zu werden (1. Mose
28). Gott segnete ihn so, daß er mit großem Besitz wieder zurückkam; aber da kam ein
entscheidender Zeitpunkt in Jakobs Leben. Der Patriarch, der seinen Bruder Esau
fürchtete, war beiseite gegangen, um den Namen des Herrn anzurufen. Da kam Er, der mit
ihm auf der Reise gewesen war, die hohe Persönlichkeit, deren teuren Segen Jakob höher
als Seinen Willen schätzte. Während des Kampfes um Mitternacht am Jabbok berührte Gott
sein inneres Wesen.
Welch eine entscheidende Stunde im Leben eines Menschen, wenn er die
göttliche Berührung fühlt. Zerbrochen kämpfte Jakob und sagte: "Ich lasse dich
nicht los, es sei denn, du hast mich vorher gesegnet." Und Gott segnete ihn dort,
nachdem der Patriarch doch erkannt hatte, daß er die verabscheuungswürdige Person war,
die unter dem Namen Jakob ging. Er sagte: "Nicht mehr Jakob soll dein Name
heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast
gesiegt." Und die Sonne ging für ihn auf. Herrlicher Tag!
Aber das folgende Kapitel, das eine oft wiederholte Erfahrung
beinhaltet, zeigt, wie wenig Jakob die Worte des Herrn verstanden hatte und wie wenig er
seinem Gott vertraute. Daher konnte er noch nicht seine hohe Stellung verwirklichen und
mußte wegen der Schwachheit seiner Natur ein viele Jahre langes Leiden durchmachen. Erst
als sich der Herr das zweite Mal bei Bethel offenbart, gewinnt Jakob einen fürstlichen
Geist. Dazwischen ist jedoch eine Zeit der großen Niederlagen und bitteren Sorgen
verronnen.
Die ersten Eindrücke von einem Mann, der von seinem "Peniel"
herausgeht, sind fast unauslöschlich. Wir können mit Grund hoffen, daß der, der
"Gott von Angesicht zu Angesicht geschaut" hat, "voll heiligen Geistes und
Glaubens" sein wird. Und dennoch werden, wenn auch schwache, Äußerungen der alten
Natur bei einem jeden hervortreten, der nicht mit Furcht und Zittern an seiner eigenen
Erlösung arbeitet. Der, der unter Tränen bat: "Ich lasse dich nicht, es sei denn,
du segnest mich denn." ist unwürdig, seinen neuen Namen zu tragen, solange er auf
menschliche Weise wandelt. Es ist auch leicht, sich gegen sein Vertrauen zu vergehen, aber
schwerer, es aufzurichten.
Aber was ist der Grund dafür, daß die, die ihr Leben dem Herrn
geheiligt haben, dennoch niemals zu einem vollständigen Sieg kommen oder so wankelmütig
in ihrem Glauben sind? Können wir die Ursachen nicht in Jakobs Erfahrung aufspüren?
1. Die Demütigung war nicht vollständig. Nach dem
Mitternachtskampf am Jabbok zeigte Jakob deutlich, daß er lebte, wenn auch
geschwächt.
Meine Geliebten! Laß mich dich an heilige Stunden erinnern, als du wie
ein Wurm unter der Züchtigung des Herrn riefst: "Zu gering, zu gering!"
Haben diese heiligen Stunden eine durchgreifende Wirkung gehabt, so daß du im Staub
liegst und vernichtet wirst, während Gott sich offenbart? Vielleicht wird der Eindruck
Seiner Gegenwart von einem Selbstbewußtsein ausgelöscht, wenn die Sonne für deine Seele
aufgegangen ist. Du hast dein Glück genossen, aber stolpertest und fielst. Und wo bist du
jetzt?
Solange du "zu gering" warst, ruhte Gottes Geist über dir,
und du zerbrachst andere durch Einfluß ohne Worte. Das Werkzeug, das der Herr gebrauchte,
um die Granithöhen des Herzens auszugleichen, war ein "Jakobswurm". Aber da
warst du selbst von Gottes Gegenwart durchdrungen, und es war so schön, in deine Nähe zu
kommen und in deiner Umgebung auszuruhen, die den Eindruck deines Geistes trug. Nun bist
du so von dir selbst in Anspruch genommen, daß Gottes Geist flieht, und dein
Selbstbewußtsein kann ein dekorierter Saal für sieben unreine Geister werden. Denn der
Hochmutsteufel kommt mit einem Gefolge an Eitelkeit, Eigenliebe, Ehrsucht,
Freundschaftsgefallen, Stolz, Neid und Verzweiflung. Du kannst nicht der Fürst des Herrn
sein.
2. Ein zweites Hindernis für den fürstlichen Geist bei Jakob war
die fehlende Demut. Um einen fürstlichen Geist zu haben, muß die Seele nicht nur
zerbrochen, sondern auch demütig sein. "Ich wohne bei dem, der zerschlagenen und
gebeugten Geistes ist, um zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der
Zerschlagenen." Diese Demut bedeutet Gehorsam.
O, wieviele sind zerschlagen worden, ohne göttliche Berührung zu
offenbaren. Sie sind im entscheidenden Augenblick in der Zucht, die unsere Erlösung vom
Selbstleben beabsichtigt, stehengeblieben und haben niemals ihren eigen Willen aufgegeben.
Obwohl an dem Punkt, an dem sie zuvor stark waren wie Ansehen, Begabung, Erfolg in der
Missionsarbeit usw., zerschlagen, sind sie soweit von der wahren Demut entfernt, daß sie
sich quälen, weil sie wollen, aber nicht können, was sie wollen. Die Tränen auf ihren
Wangen kommen aus einem Herzen, das unter der Demütigung, nichts zu sein,
zerbrechen kann. Wir sind zerschlagen, aber seufzen vor dem Herrn: "Ach, wenn ich nur
könnte!" Viele, insbesondere die Jungen, sind in der entscheidenden Stunde zum
Aufruhr gegen den Herrn versucht worden, als der Teufel geflüstert hat: "Verfluche
Gott und stirb!" O, nun gilt es, sich am Herrn festzuklammern und zu sagen: "Ich
lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich!"
Ich glaube, daß viele tausend Seelen den Herrn genau an diesem Punkt,
der die Übergabe des Willens berührt, im Stich gelassen haben und daher niemals zu einer
dauerhaften Ruhe und Freude im Herrn gekommen sind. Eine göttliche Berührung offenbart
sich durch Gehorsam Gott gegenüber. Und Gehorsam Gott gegenüber ist die Frucht der
wahren Demut.
Es war ein Fehler (um nicht zu sagen Ungehorsam), bei Sichem stehen zu
bleiben und, verzaubert durch die irdischen Vorteile, die Familie den Lockungen der Welt
auszusetzen. Sein Gott war der Gott Bethels, aber Jakob schien sein Versprechen vergessen
zu haben und mußte daher wiederum die Früchte seines eigenen Lebens ernten. Wo die
Demütigung nicht ihre beabsichtigte Wirkung hat, ist unser Gehorsam so unvollkommen, daß
wir nicht einmal die Umgebung retten können. Das Salz verliert seine Würze, und wir sind
gezwungen, eine verlorene Aufgabe zu beweinen und zu sagen: "Ich und mein Haus werden
vergehen!"
3. Das dritte Hindernis war ein wankelmütiger Glaube.
Warum sterben so viele trotz ihres ernsten Strebens außerhalb des
Gelobten Landes? Die Seele muß ihre neue Stellung durch den Glauben einnehmen. Ein
wankelmütiger Glaube ist halber Gehorsam.
Wenn Jakob den Worten des Herrn geglaubt und danach gehandelt hätte,
wäre er manchen Schwierigkeiten entgangen, die noch Mittel in der Hand Gottes sein
durften, aber nicht unbedingt notwendig waren. Doch will der Herr den Reichtum Seiner
Herrlichkeit an Seinen Auserwählten offenbaren. Und siehe, wie gnädig der Herr mit
Seinen Dienern zuwege geht! Zuerst kommt Er bei Sichem zu Seinem Auserwählten und belebt
seine Erinnerung an das vernachlässigte Bethel. Das setzte Jakobs Herz in Brand. Am
gleichen Tag befahl er seinem Volk, sich zu reinigen, und vergrub so viele Abgötter, wie
er bei ihnen finden konnte.
4. Nun tritt der fürstliche Geist bei Jakob hervor.
Er, der geklagt hatte: "Wir werden sterben!", hatte eine
solche Macht über die Menschen, daß "ein Erschrecken von Gott über die
umherliegenden Städte kam". Die Völker zitterten angesichts seiner Siegeszüge, und
die Trauerweiden winkten wie Siegespalmen, als der Morgen dämmerte und der Herr sagte:
"Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel sollst du heißen." (1. Mose
35, 10). Da bekam Jakob eine fürstliche Würde und gewann mit der Zeit eine solche
Achtung bei den Völkern, daß Könige sich in Ehrfurcht unter seine Hände beugten, um
den Segen zu empfangen.
Aber die späteren Jahre, die Reife des Herbstes, waren eine Zeit des
Leidens und des Kummers. Als Jakob auf die verflogenen Jahre zurückschaut, sagt er:
"Wenig und böse waren die Tage meiner Lebensjahre." (1. Mose 47).
Eine andere Seite des fürstlichen Geistes finden wir bei ABRAHAM,
GOTTES FREUND. Der, der ein Ziel hat, jagt diesem nach. Um vervollkommnet zu
werden, muß die Seele vollkommen sein (Phil. 3). Derjenige, der ein geteiltes Herz hat,
wird mit dem Mond verglichen, wenn die eine Hälfte hell und die andere dunkel ist. Wenn
die Seele trotzdem zur geistlichen Befreiung schreitet, kann sie zum Schluß ganz und gar
hell werden. Aber wenn die Sünde und die Welt die Überhand gewinnen, wird die Seele
völlig dunkel.
Abrahams Tag war im beständigen Aufgehen begriffen. Der Herr sagte
ihm: "Wandele vor mir und sei vollkommen." Und er wurde vervollkommnet, indem er
ein ungeteilter Wille und ein Herz für seinen Gott war.
1. Willst du Ihm auf Seinem Weg durch das Leben folgen, mußt du vor
Gott wandeln. Die Seele muß einen Herrn und ein Ziel für ihre
Tätigkeit haben. Der, der meine Liebe gewonnen hat, ist der Gegenstand für mich.
Unter dem Einfluß geheiligter Männer zu stehen, wie es Lot tat, im
Schatten von auserwählten Charaktären zu wandeln, kann von großer Bedeutung sein. Es
kann sich jedoch ein wesentlicher Unterschied zwischen den Eindrücken, die wir von
Menschen bekommen, und denen, die der Mensch von Gott bekommt, befinden. Wie der Bach
seinen Ursprung verliert, je länger er fließt, so kann die schönste Erfahrung
verlieren, wenn sie von Mensch zu Mensch geht. Das bräuchte nicht so zu sein, aber ist
dennoch oft so. Und derjenige ist gewöhnlich wahrer, der treu solche Eindrücke,
die er allein vom Herrn bekommen hat, erwirbt.
Wie die Steine im Bach durch Reibung aneinander abgerundet werden, so
werden die kleinen Eigenheiten, die uns anhaften, durch die Berührung mit anderen
geebnet, und der Mensch muß Lebensweisheit durch den Menschen lernen. Der Umgang der
Gläubigen untereinander ist doch von noch größerer Bedeutung, und nur wenn wir unsere
Mitverantwortlichkeit als Glieder an einem Leib kennen, können wir "in allem
hinwachsen zu ihm, der das Haupt ist, Christus." Aber die Lebensquelle muß Gott
selbst sein und darf niemals vom Staub der Welt getrübt werden; und was sicher ist, wir
müssen die Urteile anderer hinter uns lassen, um in Edelmut und christlichen Tugenden
entwickelt zu werden.
Was wir da vor Menschen zu sein scheinen, bedeutet wenig. Wir suchen
nicht den Beifall der Menschen, und ein treuer Diener freut sich nicht über die Größe
der Arbeit, sondern über deren Ziel. Das Ziel eines Christen ist nicht, große Dinge zu
verrichten. Sein Ziel ist, den Herren groß zu machen.
2. Der Glaube wird durch das Wissen um seinen Gegenstand
vervollkommnet.
Es war das Wissen um den Geber der Verheißung, das Abraham stark im
Glauben machte. Er hielt den für treu, der die Verheißungen geschenkt hatte, und durch
diesen Glauben wurde er zum Erben der Verheißungen. Sein Glaube ruhte nicht auf
äußeren Umständen und Verhältnissen, und er machte sich keine Sorgen, wie oder auf
welche Weise der Herr Seine Verheißungen erfüllen würde. Der Gegenstand des Glaubens
ist der Herr. Und Er ist immer mehr als das, was Er verheißen hat.
Der Glaube braucht niemals große Voraussetzungen. Mit einem Stab in
der Hand ging der Diener des Herrn, Mose, um einen Feind zu vernichten, gegen welchen die
Kinder dieser Welt ihre besten Armeen aufgestellt hätten. Mit einer Schleuder und einigen
Steinen in seiner Hirtentasche ging David auf den Riesen Goliath los. Ebenso bekam Sarah
durch den Glauben Kraft, Stammutter eines Abkömmlings zu werden, weil sie den für
treu hielt, der die Verheißung gegeben hatte. "Deshalb sind auch von einem, und
zwar Gestorbenen, so viele geboren worden wie die Sterne des Himmels an Menge."
(Hebr. 11,12). Er hat niemals einen lebendigen Glauben betrogen. Der auf den Herrn hofft,
wird niemals zuschanden. Er entspricht dem Vertrauen, das wir Ihm schenken.
Vertraue Ihm! Seine Macht ist unbegrenzt. Wie die Strandwelle die
Reichtümer des Meeres hinaufwirft, so werden die Schwierigkeiten dazu beitragen, die
Reichtümer der Verheißung dir zugänglich zu machen. Wo alle Hoffnung aus ist, will Er
den Reichtum Seiner Gnade so herrlich offenbaren, daß dieser "wie der Sand am Rande
des Meeres" sei. Und wie treu ist doch der Herr gewesen! Es gibt keinen Grund, an Ihm
zu zweifeln. Aber unsere Schwachheit ist, teilweise an Gott zu glauben und teilweise an
etwas anderes. Du kannst nicht an Gott glauben, solange du noch etwas anderes hast, an das
du glaubst.
Der, der neue Schöpfungen hervorbringen will, muß sich selbst
sterben. Ein Sohn der Verheißung kann niemals geboren werden, solange wir auf uns selbst
das Vertrauen setzen. Der, der seine Begabung dem Herrn geheiligt hat, kann sogar so arm
werden, daß er keine Begabung mehr hat. Der Mensch wird in der Schule des Geistes
zerschlagen. Ein Paulus, der Hochgelehrte, kann nichts aus sich selbst denken (2. Kor. 2).
Aber niemals läßt Gott Seine Kinder in einer Wüste ohne Brunnen
verschmachten. Elias Gott weiß, wo Er Seine Raben hat, und diese brauchen keine andere
Dressur als Seinen Befehl. Der Ruf des Herrn: "Nimm hervor!" ist untrennbar mit
einem Entkleiden vereint. Den der Herr hoch begnaden will, läßt Er die eigene Armut
verspüren. Die Armut ist das Mittel für Seine Offenbarung, genau wie die Hungersnot
Josef offenbarte. Das Leben Christi beginnt, wo das Selbstleben aufhört. Der Glaube ist
bei dir vervollkommnet, wenn du dem Herrn allein vertraust. Abraham wurde stark im
Glauben in dem Maße, wie alle Voraussetzungen zerschlagen wurden. Er glaubte, wo es keine
Hoffnung gab.
3. Der Morgenstern ging in seinem Herzen auf.
Die Schatten fliehen, je näher wir dem Licht kommen. Sicherlich
hatte er die irdische Gestalt seiner Hoffnung verloren, aber er sah den Tag des
Menschensohnes und wurde froh (Joh. 8,55). Weil der Geber der Verheißung selbst ihm lieb
geworden war, konnte er den Sohn der Verheißung herbeibringen und Gottes Erbe
werden. Bei den Prüfungen Abrahams stimmen die Engel der Verheißung ihre Harfen, auf dem
Berge Moria singen sie unsterbliche Lieder für einen treuen Gott. Über den Höhepunkt
des Leidens fließt das Licht der Herrlichkeit der zukünftigen Welt. Ein Freund Gottes
wird auf der Opferhöhe gekrönt.
Der, der den Weg des Glaubens geht, möge Abraham, nicht aber Jakob,
zum Vorbild wählen. Beide sind durch Leiden zur Herrlichkeit gegangen, aber bezüglich
der Art und Weise gab es einen himmelweiten Unterschied. Jakobs Leiden war
"menschlich", weil er sich selbst im Menschlichen bewegte. Aber der Herr
begegnete ihm auf dem menschlichen Gebiet und erhob seine Seele zum Unvergänglichen. Wie
satt er zu sein scheint auf der Welt, als er Pharao besucht (1. Mose 47,9).
Abrahams Leiden war geistlicher Natur und hatte außerordentlich
hohe Absichten. Als der Glaube bei Abraham vervollkommnet war, opferte er den Segen für
den Segnenden und fand beide in ihm. Jakobs Weg war dornenbestreut, und das Leid
häufte sich immer höher über ihn. Die Sonne stieg in Abrahams Leben immer höher, je
dichter die Schatten der Erde fielen. Jakob war voller Argwohn und glaubte, daß seine
Söhne ihn betrügen würden. Abraham bekam allezeit Besuch von göttlichen
Gästen. "Denn er meinte, daß Gott mächtig wäre." (Hebr. 11).
Er stellte Jakob auf den Kopf, das Gefäß Seiner
Barmherzigkeit, schlug aber den Boden aus Abrahams leerem Gefäß heraus. Für Jakob
war es ein langsames Leiden, sich selbst zu sterben. Abraham dagegen schien von
keiner Demütigung zu wissen, denn er war, was er bekannte, Staub.
4. Er wurde durch den Glauben zum Erben der Welt.
Es kann von ihm gesagt werden, daß er die Welt gewann, indem er auf
sie verzichtete. Mit der Untergebenheit, die für einen demütigen Geist bezeichnend ist,
sagte er seinem Neffen: "Ist nicht das ganze Land vor dir? --- willst du
nach links, dann gehe ich nach rechts, und willst du nach rechts, dann gehe ich nach
links." Aber kaum hatte er es geschafft, auf sein Recht als Erbe der Welt zu
verzichten, als Gott ihm befahl, die Meßschnur über das ganze Land zu ziehen,
sagend: "Dir will ich es geben." (1. Mose 13). Sein edelmütiger Verzicht
auf den Lohn, den der König von Sodom ihm geben wollte, scheint eine neue Offenbarung von
seinem Erbe in Gott zu veranlassen (1. Mose 14,21-24. 15,1). Dies ist der Königsweg für
den Sohn Abrahams. Ein demütiger Geist ist immer siegreich.
Ein stiller, untergebener Geist kann sein Erbe in Gott entgegennehmen,
aber nicht der, der um Seiner Verheißungen willen anspruchsvoll ist. Ohne göttliche
Natur kann man nicht die Fülle der Verheißungen bekommen, denn die Seele muß den Sinn
des Geistes haben, um den Geist zu kennen. Es ist unnütz, seine Hände in Unschuld zu
waschen, solange der Neid im Herzen herrscht (2. Petr. 1,4; Ps. 73).
Aber laßt uns zum Bild des Charakters zurückkehren. Jakob gelang es,
sich durch beharrliche Arbeit zu vervollkommnen, aber war dessen ungeachtet selten
glücklich. Abraham dagegen, der über alles irdische Streben erhaben war, hatte keine
Sorge und nahm niemals von einem Menschen Lohn an. Und dennoch wurde er reich. Fast
überall war Jakob solchen Personen ausgesetzt, die ihn betrügen wollten, und er war oft
von Sorgen und Spannungen im Heim niedergedrückt. So ging das für einen Mann, der fast
das ganze Leben für sich selbst ruderte. Aber der Freund Gottes hatte selten
Unannehmlichkeiten mit einem Menschen, und Gott führte seine Rede gegenüber allen, die
ihn beleidigen hätten können. Liebliche Zuflucht, mit allen zum Herrn zu gehen,
die uns beleidigen! Der Pfarrer, der auf seine Knie fiel, nachdem er die Vorladung
erhalten hatte, und bat: "Ich lade meine Widersacher zu deinem Gericht vor.",
hatte sie bereits besiegt. Liebliche Ruhe, die eigene Selbstverteidigung nicht
anzurühren, sondern den Herrn gegen unsere Feinde streiten zu lassen!
An Jakob sehen wir, daß unsere Macht über die Menschen im Verhältnis
zu unserem Einfluß bei Gott steht; an Abraham, daß seine Freundschaft mit Gott zur
Rettung für Menschen wurde. Wie geborgen kann doch der sein, der in der Hand des
Allmächtigen ruht! Abraham ging den verborgenen Weg der Treue und hatte alle seine
Quellen in Gott. Darum hat sich Gott ihm geoffenbart und ihm einen Namen gegeben, den
niemand anders kennt als der, der ihn bekommt. Die Welt sah sein erhabenes Leben, konnte
aber dessen verborgene Gründe nicht begreifen, auch nicht dessen Freude und Hoffnungen.
An der Bahre Sarahs sprach er tief gerührt zu den Hethitern: "Ein Fremder und Gast
bin ich bei euch. Gebt mir ein Erbbegräbnis bei euch!" Sie schienen so tief vom
Leben des gottesfürchtigen Mannes ergriffen zu sein, daß sie fast ihr Leben für ihn
hätten opfern können. "Wenn mir jemand dient, so wird der Vater ihn ehren",
sagt Jesus. "Hör uns an, mein Herr", antworteten die Söhne Heths, "du
bist ein Fürst Gottes unter uns, begrabe deine Tote in dem auserlesesten unserer
Gräber." (1. Mose 23).
Welche Anerkennung! Sein Los auf Erden war sehr gering, aber er
verließ die Welt als ein Fürst. Als er auf den Wagen des Königs stieg, stand die
Umgebung mit entblößtem Haupt da, um ihm ihre Ehrfurcht zu bezeugen: Denn du bist ein
Fürst Gottes unter uns. Es ist von größerem Wert, einen solchen Eindruck hinter
sich zu lassen, als zu Lebzeiten ein hervorragender Kommunalpolitiker gewesen zu sein.
Der, der die Jordanebene wählte, mußte, als sich der Tag mit Feuer offenbarte, nackt aus
Sodom fliehen. Sein Leben war verloren.
5. Duch den Glauben hatte Abraham in das Heimatland der Treuen schauen
dürfen. Die Hoffnung von der Herrlichkeit Gottes hatte auch ihn zu einem Gast und
Fremden auf Erden gemacht. Er hielt nach der Stadt Ausschau, die feste Grundfesten
hat, und das Gegenwärtige lag unter seinen Füßen. Für einen solchen Mann war es nicht
schwer, die Welt zu verlassen. Er hatte sich mit einem besseren Land vertraut gemacht und
sehnte sich nach Hause.
Sind wir Gäste und Fremde? Wir werden dann immer mehr unsere Fremdheit
spüren. Es ist nicht immer so angenehm, sich im Ausland aufzuhalten, wie man sich am
Anfang gedacht hatte. Es gibt sicherlich vieles, was das Auge blendet. Und viele
interessante Gegenstände, die für uns ganz neu sind, erregen unsere Bewunderung. Aber
wir sind den Sitten und Bräuchen des Landes fremd, und als Ausländer versteht uns
keiner. "Denn die Welt kennt uns nicht." Die umgebende Natur kann schön sein
und das fremde Land viele Vorteile anbieten, aber wir haben so wenig Bekannte und fühlen
uns einsam in der Welt.
Mehr und mehr verliert die Welt ihr Gefallen für uns, denn uns fehlen
die Gegenstände für unsere Liebe, und hin und wieder gehen wir hinunter zum
Meeresstrand, um die Schiffe zu betrachten und an die Heimat in der blauen Ferne zu
denken. Die Klänge der Dampfpfeife beim Auslaufen der Boote, Abschiede und Winken am
Strand rühren unsere Sinne auf. Wir werden von Heimweh verzehrt. Abraham weinte (1. Mose
23,1).
Wir beglückwünschen die, die über den Todesfluß nach Kanaan
gegangen sind. Die Schar an den Stränden des Glasmeeres wächst. Wie die Schwalbe auf der
Telefonleitung sehnt sich meine Seele nach dem Ruf ins Heimatland.
6. Sein Übergang in die andere Welt muß hell gewesen sein.
Welche Anordnungen muß der Herr vorgenommen haben, um seinen
Freund willkommen zu heißen. Aber davon wußten die Kinder des Auslandes nichts.
Ein alter Christ gleicht oft den alten Silbermünzen, denen es so
schlecht ergangen ist, daß die Inschriften fast verschwunden sind. Das Gedächtnis ist
schwach, der Gedanke hat seine Schärfe verloren, die Hände zittern, die Hütte des
Leibes lehnt am Tode. Aber wie die Silbermünze hat er doch seinen vollen Wert, wenn er im
Glauben steht, und bald wird er in der himmlischen Bank eingetauscht werden.
In den Augen anderer kann er fast unkenntlich sein. Aber der Herr kennt
die Seinen. Und derjenige, der es versteht, die feinen Saiten anzuschlagen, wird aus
seinem Herzen eine Musik hervorlocken, die zeigt, daß er nicht aus Blei ist.
Eine dritte Seite des fürstlichen Geistes finden wir bei JOSEF, DEM
BRUDERFÜRSTEN. Er träumte ständig vom Sieg, dieser Mann, der vorausbestimmt war, durch
seine Menschenliebe das Volk zu retten. Aber nur durch Leiden und Schmerz konnte der Traum
verwirklicht werden.
Bevor Josef seinen alten Vater mit der glänzenden Equipage des Hofes
holen konnte, mußte er, getrennt vom geliebten Heim, auf einem Kamelrücken in ein
fremdes Land gebracht werden. Wie mußte er dort leiden und über das ganze Land hinweg
verleumdet werden, bevor die Zeit des Herrn, ihn zu erhöhen, gekommen war! Und die
Herrlichkeit in seiner Erhöhung entsprach der Tiefe seiner Erniedrigung. Dieser Mann, den
Pharao mit dem Ruf "Fallt auf die Knie!" auf seinen Wagen setzte, war vor
einigen Jahren auf der Gefangenenkarre transportiert worden und hatte Gefängnistüren
hinter seinem Rücken zuschlagen hören. Diese Hebräer, die vor ihm auf ihren
Angesichtern liegen, hatten ihn mißhandelt und ihn als Sklave verkauft. Er selbst hatte
unter ihrer Mißhandlung geweint, genauso laut, wie sie an seinem Hals weinen. Nun ist es
seine Zeit, sich zu erbarmen.
Welch' eine Lehre bietet ein Vergleich zwischen Josef und seinem alten
Vater an! Josef war ein Mann der Schmerzen wie Jakob, aber unter ganz anderen Absichten
und Umständen. Jakob litt hauptsächlich aufgrund eigener Schuld, Josef dagegen litt für
andere. Jakob mußte wegen seiner eigenen List entsprechenden Kummer ernten, gemäß des
Gesetzes: "Was der Mensch sät, das wird er auch ernten." Mit einem Ziegenfell
betrog er seinen alten Vater, mit dem Blut eines Zickleins wurde er von seinen eigenen
Söhnen betrogen. Und so mußte Jakob fast alles, was er gesät hatte, ernten. Josef
dagegen gewann durch seine Erniedrigung eine entsprechende Erhöhung. Denn er litt wegen der
Auserwählung und für andere.
Diese Leidensgeschichte wiederholt sich bis heute bei denen, die der
Herr zu Bruderfürsten auserwählt.
1. Ein Bruderfürst kann niemals so leicht wie möglich durch die
Welt gehen.
Es gibt kein Chloroform in der Apotheke des Geistes für solchen
Schmerz. Der, den der Herr dazu auserwählen will, andere zu trösten, muß selbst wissen,
was es heißt zu leiden. Das ist das Geheimnis. Wir müssen die Qual des Todes bis dahin
verspüren, daß wir rufen: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich
verlassen?" Aber der Tod würde weniger spürbar sein, wenn nicht der Teufel und
unsere Eigenen uns durchbohren würden.
2. Mit Füßen getreten, um danach Macht vom Thron der Liebe
auszuüben.
Von der Schule, die beabsichtigt, Männer nach Gottes Herzen
auszubilden, sind sowohl Doeg als auch Ahitofel untrennbar (Ps. 32, Ps. 55). Während wir
zu geheiligter Freundschaft ausgewählt werden, müssen wir einen Judas haben. Waren es
nicht Hiobs Freunde, die sein Leiden so bitter machten, als er ausrief: "Ihr habt
mich zerschmettert"! Und dennoch haben sie so große Verdienste beim Aufbau seines
Charakters gehabt, daß Hiob niemals das geworden wäre, was er wurde, wenn nicht seine
Freunde den Stolz der Freundschaft und des Einflusses zerschlagen hätten.
Welches Wiedersehen am Thron der Liebe! Es ist ein himmelgroßer
Unterschied zwischen den Freunden, die die Not erzeugt hat, und den Freunden, die der
Erfolg an uns verschwendet. Nur die Not kann die wahre Freundschaft offenbaren, und ein
Christ sollte froh sein, wenn auch das Herz blutet, wenn der Verrätergeist ausgetrieben
wird. Wie sich der Erntearbeiter über die Flucht der Spreu freut, so sollte ein Christ
Gott für die Freunde danken, die gehen, denn sie waren nicht seine Freunde. Und je
länger wir leben, desto mehr verspüren wir den Bedarf an etwas Wirklichem und
legen weniger Gewicht auf Lächeln oder Tränen. Der Schein trügt.
Aber sie kommen vielleicht wieder? Bruder, sie werden kommen, eine
Karawane sogar vom Hause deiner Kindheit an. Und wenn sie kommen, laß sie am Halse des
Bruders ausweinen.
3. Zerschlagen, um zu heilen. Das Leben, das andere nähren
soll, muß durch den Tod gehen und zu Staub gemahlen werden, wie der Weizen zwischen den
Mühlsteinen zerdrückt wird. Christi Leiden wiederholt sich noch heute bei denen, die
einen stellvertretenden Platz eingenommen haben und deren Leben mit Ihm, dem Mann der
Schmerzen, zusammen- gefügt ist. "Folglich wirkt der Tod in uns, das Leben aber in
euch."
Der, der niemals durch Leid gebrochen worden ist, ist kein Bruderfürst
in der Not. Ihm fehlt das Mutterherz und die Feinfühligkeit, die kranke, leidende,
schwache, lebensmüde, mißverstandene und einsame Herzen benötigen. Ist das Schwert
durch deine eigene Seele gegangen, hast auch du ein blutendes Herz. Und das ist genau das,
was diese Zeit braucht.
Es fehlt nicht an solchen, die irreführen und irregeführt werden.
Es gibt genug Spiel und Spaß auf der Erde, besonders jetzt, da die
Menschheit dabei ist zu vergehen und der eine Mord den anderen ablöst. Es braucht auch
niemand wegen fehlenden Wissens irrezugehen. Aber der Zeitgeist ist krank, und das
Gericht hat an Gottes Haus begonnen. Es ist eine Zeit der Züchtigung und des Leidens.
4. Der Tod ist die Pforte des Lebens. Mit der Absicht, daß wir
viel Frucht bringen sollen, übergibt Er Seine Auserwählten dem Tode, wie der Landmann
seine Aussaat in die dunkle Erde wirft. Das Leben wird durch den Tod vervielfältigt, wie
der Herr sagt: "Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es
allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht." Der, der dem Vater der Geister
untertänig ist, wird leben, wenn er auch durch zehntausend Tode ginge.
5. Das Leiden ist eine verborgene Herrlichkeit. Unter der
Gefängnisjacke glänzt die weiße Seidentracht. Die Glieder der Kette sind aus Gold. Aus
der Grube wirst du auf goldenen Treppen hinaufsteigen. Nach einer Zeit der Erniedrigung
wirst du den Rang eines Fürsten tragen, als Gottes Kämpfer in der Welt, als Gottes
Freund vor Gott und als Bruderfürst für die Leidenden auf Erden.
Kannst du nicht jetzt schon die Musik der Wagenräder des Königs
hören, und wird nicht dein Herz von einem leichten Schwingen der Trompetenstöße, die
die Völker auf die Knie mahnt, berührt?
Die Helden der Bibel sich nicht sonnen durften
in Glück, Reichtum und Pracht;
Nein, erzogen in der Kreuzesschule sie wurden
zu spüren des Himmelreiches Kraft.
Danach sie die Fahrt konnten antreten
als treue Boten des Herrn,
mit einem Glauben, der die Welt bewegte,
in demütigem Geiste vor Gott.
Ein gefangener König
Wie sollte doch das Bild, das der Herr braucht, um ein trauerndes Zion
zu trösten, dazu geeignet sein, jeden Zweifel an der Liebe Gottes für uns auszulöschen!
"Kann denn eine Mutter ihr Kind vergessen, daß sie kein Erbarmen mit ihrer
Leibesfrucht habe?"
WIE EINE MUTTER
1. Eine milde Liebe. Als die Dirnen um das lebende Kind
stritten, sagte der König zu seinem Diener: "Zerschneidet das lebende Kind in zwei
Teile und gebt der einen die eine Hälfte und der anderen die andere Hälfte!" Aber
da rief die Mutter des Kindes aus, wiewohl sie eine lasterhafte Frau war: "Bitte,
mein Herr! Gebt ihr das lebende Kind, aber tötet es ja nicht." (1. Kön. 3). Sie
wurde von Teilnahme für ihr Kind erfaßt, weil es ihr eigenes war, und durch diese Liebe,
die sogar eine Dirne besaß, wurde die wirkliche Mutter geoffenbart. Sie besaß die
mildeste Liebe, die jemals ein Menschenherz in Bewegung gesetzt hatte. Die Not des Kindes
durchbohrte ihr Herz. Ein Schwert ging durch Marias Seele.
Welche milde Liebe muß der Herr zu seinem widerspenstigen Volk haben,
wenn Er sagt: "Ist nicht Ephraim mein teurer Sohn und mein trautes Kind? Denn ich
denke noch wohl daran, was ich ihm geredet habe; darum bricht mir mein Herz gegen ihn,
daß ich mich sein erbarmen muß." (Jer. 31,20). Wer hat die Tiefen im Herzen des
ewigen Vaters, das ständig von der Not der Menschheit beeinflußt wird, ausgelotet? (Hos.
11).
2. Eine beständige Liebe. Freunde gehen, und Freunde kommen.
Andere können wohl das Kind mit ihren Gaben erfreuen, ohne Geduld und Nachsicht mit
dessen vielen Fehlern und Gebrechlichkeiten zu haben. Diese sind nur schwache Erfahrungen
und arme Tröster. Nur die Mutter ist dieselbe. Sie wacht bei ihrem kranken Kind, wenn die
Mitglieder der Familie eingeschlafen sind; und je mehr sie bekommt, desto mehr will sie
geben. Ja, sogar wenn sie selbst sagt, daß es an Geduld fehlt, hält sie stundenlang aus.
Wie der Bach aus der perlenden Waldquelle fließt die Liebe jederzeit. Deren Tiefe hat sie
nicht einmal selbst gefunden. Sie ist einer tieferen Liebe mächtig, als sie selbst ahnt.
Aber Er, der sowohl Vater als auch Mutter für die Seinen ist, nimmt
auch die auf, die von Vater und Mutter verlassen worden sind. Wie es auch auf der Erde
zwischen Freude und Leid wechselt, bleibt Er doch derselbe, und Seine Gefühle für uns
sind so unveränderlich wie Er selbst.
3. Eine alles hingebende Liebe. Ein sterbender Jakob segnet
seine Söhne. Die Gedanken einer Mutter kreisen bis in den Tod um ihre Kinder. Eine solche
Äußerung der Mutterliebe ist die in der Todesnacht flackernde Flamme des klaren Lichtes,
das niedergebrannt ist. Die Fürsorge, die eine Mutter für ihre Kinder hat, ist ein ständiges
Hingeben des eigenen Lebens, und es geschieht nicht selten, daß die Mutterliebe sie dazu
treibt, für sie zu sterben. Sollte eine Mutter ihr Kind vergessen? Unmöglich! Sogar die
Tiere haben eine solche Fürsorge für ihre Jungen, daß diese größer als der
Selbsterhaltungstrieb ist. Für ihre Jungen kämpfen sie bis zum Blut gegen den Verfolger,
und sie lassen sich selbst mitunter von der Kugel des Jägers durchbohren, anstatt sie
preiszugeben.
Warum sollte da Zion klagen: "Der Herr hat mich verlassen, der
Herr hat mich vergessen!" Wenn auch eine Mutter ihr Kind vergessen könnte, so daß
sie sich seiner nicht erbarmte, so wird doch der Herr die Seinen nicht vergessen.
4. Mehr als eine Mutter. Kann eine Mutter eine solche Fürsorge
für ihre Kinder haben, wieviel mehr wird nicht Er, der sogar über dem kleinsten Spatz
wacht, Fürsorge für uns haben (Matth. 10,29)! Hat ein Tropfen Seiner Liebe die
Mutterschaft unter lebendigen Wesen so erhöhen können, wie muß Er da selbst Seine
Kinder mit einer unbegrenzten Mutterliebe umfassen! Welch ein unbeschreibliches Glück,
Ihm zu gehören!
Wir sollten wirklich keine Sorgen haben, wenn Er unser Vater ist. Die
vollkommene Liebe, mit der Er uns umfaßt, sollte mächtig genug sein, die Furcht, die uns
mitunter quält, zu vertreiben. Wenn das Vogelweibchen mit ausgebreiteten Flügeln über
seinem Nest stirbt, wie untrüglich muß da der Herr die, die sich unter Seinen
beschützenden Flügeln sammeln lassen, bewahren, und wie groß muß Seine Liebe gewesen
sein, als Er für uns in den Tod ging! Unsere Freude sollte wie die Morgensonne
hervorbrechen, wenn wir dieser Liebe glaubten, und der Tag des Herzens würde niemals
untergehen.
DIE LIEBE, DIE ALLES ÜBERSTEIGT
Aber Er liebt Sein Volk mit noch größerer Liebe. Das mystische
Lied, aus dem der Text geliehen ist, spricht von einer Liebe, die nur die Braut
kennt. Das ist nicht die Liebe einer Mutter, die hier gezeichnet wird, sondern eine Liebe,
die alle Erkenntnis übersteigt. "Oder sollen wir die Auffassung derer, die in so
vielen vergangenen Jahrhunderten im Hohenlied Vorbilder für das Verhältnis der höchsten
göttlichen Liebe zu der Menschheit gefunden haben, nur einfach als eine Phantasie
ansehen? Werden nicht die Vorbilder, die darin nur dunkel wahrnehmbar sind, im Evangelium
voll geoffenbart?"
Ja, sicher. Das Hohelied ist nur der alttestamentliche Ausdruck für
die Wahrheit, die in Eph. 5, 23-33 dargestellt wird und die den ganzen Plan Gottes mit der
Menschheit durchzieht, nämlich daß wir eins mit Ihm durch den lieben, hochgelobten Sohn
Gottes seien. "Denn der Mann ist des Weibes Haupt, gleichwie auch Christus das Haupt
ist der Gemeinde, und er ist seines Leibes Heiland. Aber wie nun die Gemeinde ist Christo
untertan, also auch die Weiber ihren Männern in allen Dingen. Ihr Männer, liebet eure
Weiber, gleichwie Christus auch geliebt hat die Gemeinde und hat sich selbst für sie
gegeben, auf daß er sie heiligte, und hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Wort, auf
daß er sie sich selbst darstellte als eine Gemeinde, die herrlich sei, die nicht habe
einen Flecken oder Runzel oder des etwas, sondern daß sie heilig sei und unsträflich.
Also sollen auch die Männer ihre Weiber lieben wie ihre eigenen Leiber. Wer sein Weib
liebt, der liebt sich selbst. Denn niemand hat jemals sein eigen Fleisch gehaßt, sondern
er nährt es und pflegt sein, gleichwie auch der Herr die Gemeinde. Denn wir sind Glieder
seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinem Gebein. Um deswillen wird ein Mensch
verlassen Vater und Mutter und seinem Weibe anhangen, und werden die zwei ein Fleisch
sein. Das Geheimnis ist groß; ich sage aber von Christo und der Gemeinde."
Von Natur aus können wir niemals begreifen, daß es eine solche Liebe
wie diese wirklich im Herzen des Herrn gegenüber Seinem Volk gibt. Und dennoch beinhalten
die eigenen Worte des Herrn dasselbe und noch mehr. "Gleichwie der Vater mich
geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt." (Joh. 15). Und "du hast sie
geliebt, gleichwie du mich geliebt hast." (Joh. 17). In Wahrheit, diese Liebe
ist ein großes Geheimnis, das nur wenige verstehen können. Sie ist in ihrem
inneren Wesen verborgen, wird aber durch ihre Auswirkungen offenbar. Er will unsere Herzen
dazu ermächtigen zu verspüren, was wir nicht mit dem Verstand erfassen können (Eph. 3,
18-19).
DIE MENSCHGEWORDENE LIEBE
Gott hat Seine Liebe zu uns durch Seine Menschwerdung
geoffenbart, und wir können mit Johannes sagen: "Wir sahen seine Herrlichkeit, die
Herrlichkeit eines eingeborenen Sohnes, vom Vater." Wir sind zum Glauben an diese
Liebe gekommen, die Gott für uns hegt, und bekommen die wertvollsten Zeugnisse Seiner
Liebe durch alle die, die Ihn kennengelernt haben.
Den tiefen Grund der Liebe, der in Seinem eigenen Wesen zu finden ist,
werden wir doch niemals hier auf der Erde verstehen können. Aber wir werden nun einige
Gründe dafür, daß die Liebe zu einer Lebensader für die Menschheit geworden ist,
beachten.
1. Die Verwandtschaft mit uns in unserem Ursprung.
Durch Ihn, das persönliche Wort, wurden Himmel und Erde und auch
Sein Abbild, der Mensch, geschaffen. Wie Johannes sagt: "Im Anfang war das Wort, und
das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Durch es ist alles geworden, und ohne es ist
nichts geworden, was geworden ist. In ihm war Leben, und das Leben war das Licht
der Menschen." (Joh. 1). Er steht in einem unauflöslichen Verhältnis zum Menschen
wie zum Leben. Getrennt von Ihm ist der Mensch tot, denn das Leben ist im Sohne Gottes.
Gleichwie ein nahes Verwandtschaftsverhältnis durch Blutsbande die
Quelle zur Mutterliebe ist, so ist die Verwandtschaft zwischen Gottes Sohn und dem
Menschen zur Ursache für Seine Menschenliebe geworden. Die Gemeinschaft zwischen uns in
unserem Ursprung hat Sein Herz an das gefallene Geschlecht Adams gebunden, und das muß
dadurch für uns klar werden, daß Er niemals das Geschlecht vergessen kann, das an Seiner
eigenen Brust gesäugt hat (Jes. 46, 3.4). Tief berührt vom Gedanken an Israels Abfall
sagt Er: "Und ich, ich lehrte Ephraim laufen ... ich nahm sie immer wieder auf meine
Arme." (Hos. 11).
Die Sünde kann die lieben Züge eines Kindes, das auf Seinen Knien
lallte, auslöschen (Jes. 66, 12.13; Spr. 8, 31), aber Seine Blicke dringen durch die
harte Schale und finden - hinter den fast teuflischen Zügen - eine Seele, geschaffen
zu Gottes Abbild, eine Seele, die sich wie ein verlorener Sohn zum Vaterhaus zurück
sehnt. Der Sohn mag sich während des Aufenthaltes im fremden Land so verändert haben,
daß keiner seiner Angehörigen ihn erkennt, doch es gibt einen, der ihn mit tiefer
Rührung umarmt und sagt: "Mein Kind!" (Luk. 15).
Sein Herz wird sogar von diesem von der Sünde zerstörten Urbild
gefangengenommen. Er weint vor den Engeln und Seinem Vater, sagend: "Siehe, wie
leidend und bleich er ist - mein Sohn!" Es wird von einem geschickten Maler
berichtet, daß er durch beharrliche Arbeit es schaffte, ein treffendes Bild eines
hervorragenden Mannes herzustellen, worüber er sehr froh war. Aber irgend eine
übelgesinnte Person verdarb das gutgemachte Meisterwerk, woraufhin der Künstler vor
Kummer außer sich geriet, und die ganze Stadt und Kunstwelt nahm tief an seinem Schmerz
teil. Sollte nicht der himmlische Meister bluten, wenn Sein Abbild und Meisterwerk, der
Mensch, verloren geht? Sollten nicht Seine himmlische Stadt und die Engelwelt mit Ihm
weinen?
Unsere Not muß Seine Not werden, unsere Sünde Seine Sünde, unser Tod
Sein Tod; aber unsere Erlösung durch Seinen Sieg wird zu Seiner ewigen Sättigung (Jes.
53). Gleichwie sich eine Mutter freut, wenn das Kind lebendig aus dem Meer gezogen wird,
so freut sich Jesu Herz über die Rettung des Sünders. Und die Erlösten sind Ihm doppelt
so lieb.
2. Diese erbarmende Liebe trieb Ihn hier herunter, um für uns zu
leiden und zu sterben. Die Verwandtschaft mit uns in unserer menschlichen Natur ist zum
zweiten Grund für Seine Menschenliebe geworden.
Beim Gegenstand seiner Liebe ist der Mensch glücklich, auch wenn die
Gemeinschaft mit Leiden und Verzicht vereint ist. Man will gern den Geliebten folgen und
bei ihnen sein. Eine solche Sehnsucht zog den Sohn Gottes zur Erde. Er war während seines
Leidens für uns "mit dem Öl der Freude gesalbt".
Im Hohenlied sehen wir Ihn mit uns ein- und auswandern, ein Flüchtling
aus Seinem Hause, bis Er Seine Verlobte über die Berge trägt. Oder können wir nicht in
der schönen Geschichte, die hier erzählt wird, die menschgewordene Liebe verspüren, die
sich in menschliche Gestalt gekleidet hat, die zu unserem niedrigen Standpunkt
herniederstieg, um uns für sich zu gewinnen (Ps. 136, 23), die dann eine geheiligte
Menschheit mit sich in das Himmlische bringt (Eph. 2, 6) und die nun von der Braut die
Einladung erwartet, noch einmal zur Erde zurückzukehren, um für immer den geschlossenen
Bund zu besiegeln (Offb. 22, 20). Dann wird der Bräutigam nicht mit tränenreichen Augen
vor der Tür der Gemeinde stehen und Seine Geliebte niemals zu einem Nachtquartier in den
Dörfern einladen (Hoh. 7, 11). In den hohen Sälen des Himmels werden wir ewige Hochzeit
feiern. Wie muß Er sich danach sehnen!
Scheint es uns vielleicht unglaublich zu sein, daß der Sohn Gottes
Mensch war, ein wirklicher Mensch, mit gleichen Leiden, Gefühlen und Bedürfnissen wie
wir? Sowohl die alttestamentlichen Prophezeiungen wie auch die deutliche Offenbarung des
Neuen Testamentes zeigen, daß dem so ist.
Die ganze biblische Geschichte dreht sich um ein Lamm, das vor der
Grundlegung der Welt vorausbestimmt war (1. Petr. 1) und dessen Vorbilder schließlich den
Charakter eines Priesters angenommen haben, ein lebendiger, persönlicher Heiland. Und wir
haben selbst erfahren, daß dieser gewiß Gottes Sohn ist, die Bedürfnisse des
Geistesmenschen zur Gänze erfüllend.
Wie einer, der Nachsicht mit den Unkundigen und Irregegangenen haben
kann, muß sich der Priester des Alten Bundes unter Menschen benehmen (Hebr. 5). Der Neue
Bund, der den Sohn eingesetzt hat, vollkommen für ewige Zeiten, hat seine Kinder einem
Herzen überlassen, das deren Not trägt. "Daher mußte er in allem den Brüdern
gleich werden, damit er barmherzig und ein treuer Hoherpriester vor Gott werde, um die
Sünden des Volkes zu sühnen; denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht worden
ist, kann er denen helfen, die versucht werden." (Hebr. 2, 17-18).
Leidendes Herz! Der Menschensohn hat für dich gekämpft und kommt
wieder mit der Ruhe der Liebe zu deiner Seele. Niemand ist einer leidenden Menschheit
näher getreten, niemand hat sich so vollständig für uns aufgeopfert wie Er, "ein
Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut". Überall können wir Seine Fußspuren
entdecken; von der Wiege bis zum Grab ist Er mit uns vertraut. Nicht weniger als
sechsundachtzig Mal - so hat jemand ausgerechnet - (Elberfelder Übersetzung
zweiundsiebzig Mal - Anm. d. Übers.) nennt sich der Herr Jesus im Neuen Testament
Menschensohn. Welch eine herablassende Huld und Liebe wird doch in diesen Worten
ausgesprochen! Und wie innerlich muß Er mit uns durch Seine Menschwerdung verbunden sein!
Wahrlich, Er schämt sich nicht, uns Brüder zu nennen, obwohl Er allen
Grund dazu haben könnte. Sollen wir uns da für unsere Bruderschaft schämen?
3. Eine dritte mitwirkende Ursache ist Seine Hingabe für uns.
Die Liebe lodert durch Opfer auf. Leiden und Schmerz offenbaren die
Liebe. Eine Mutter sieht kaum ein, wie sehr sie ihr Kind liebt, bevor es nicht leidet.
Jesu Herz schlug immer höher, als Er unsere Sünden trug, bis Er sagen konnte: "Es
ist vollbracht!" Er zog Seinen Auserwählten wie einen Brand aus dem Feuer und starb
mit ihm in Seinen Armen (Sach. 3, 2).
Wer kann die Höhe und Tiefe Seiner Liebe messen, wer kann verstehen,
was Er beim Anblick Seiner Verlobten fühlt! Wo gibt es ein Bild, das Seine Liebe malen
kann, oder Worte, die sie aufwiegen können? Kann nicht Seine Hingabe für uns eine harte
Kritik über das Hohelied verstummen lassen?
Wie der Herr eine Frau aus der Rippe Adams schuf, so ist die Braut des
Lammes aus Seinem eigenen Herzen genommen. Denn wir sind Glieder Seines Leibes, von Seinem
Fleisch und Bein. Kein Wunder, wenn Er sagt: "Wende deine Augen von mir ab, denn sie
verwirren mich." (Hoh. 6, 5).
Wunderbare Liebe! Die höchste Offenbarung, die der Mensch jemals von
Gott bekommen hat! --- Engel und Menschen, Himmel und Erde beten Ihn an. "Die ganze
Erde wird voll Erkenntnis seiner Herrlichkeit sein." Aber keinem geschaffenen
Geschöpf ist die Gabe gegeben worden, die höchste Botschaft von Seiner Liebe zu
verkündigen.
Diese übersteigt alle Erkenntnis.
DIE LIEBE EINES BRÄUTIGAMS
"Ein König ist gefangen..."
In der schönen Geschichte, die mit dem Verlangen der Seele
beginnt und mit ihrer erfüllten Hoffnung endet, ist niemals ein Wort der Unzufriedenheit
über Seine Lippen gegangen. Denn "die Liebe bedeckt eine Menge von Sünden".
Ein um das andere Mal können wir Ihn so eingenommen von Seinem
Gegenstand sehen, daß Er Sich nur um sie dreht, "meine Taube, meine Vollkommene.
"In meine Handflächen habe ich dich eingezeichnet," sagt der Herr. Und der
Bräutigam hat ihr Bild überall in Seinen höfischen Sälen aufgehängt. Überall finden
wir den glühenden Ausdruck Seiner Liebe. Aber sie ist doch sonnenverbrannt und
schwarzbraun! (Hoh. 1, 6). Und Er ist der schönste unter den Menschenkindern! (5, 10).
1. Er umfaßt sie mit einer nachsichtigen und vergebenden Liebe.
Er wird zum Mitleid über ihre Schwächen gerührt, Er läßt Seine
Liebe zu ihr hinüberfließen, wenn sie am unwürdigsten ist. Er traf sie, als sie einsam
und allein herumging. Er nahm sie so behutsam herunter von der Grenzhöhe und sagte:
"Du hast mir das Herz geraubt, meine Schwester, meine Braut." (Hoh. 4). Wie
müssen die Freuden dieser Welt vor dem Wissen um Seine Liebe verbleichen und das
Gegenwärtige seine Anziehungskraft verlieren, wenn sie sich im ruhigen Tal treffen! Hast
du, mein Geliebter, eine Begegnung mit Ihm gehabt?
Bring deine Sünde zu Ihm! Leg deine Last an Seinem Kreuz ab. Er
schenkt Gnade statt Sündenstrafe, denn deine Schuld ist gesühnt (Jes. 40). Hast du keine
Erfahrung von solchen Worten wie diesen: "... und die Welt mit sich selbst versöhnt
hat"; "Gott, der allen willig und gibt und nichts vorwirft." ... "Denn
wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid haben könnte mit unseren
Schwachheiten." - ? Ist nicht die Bibel voller Zeugnisse Seiner nachsichtigen und
vergebenden Liebe? Hat die Heilige Schrift nur einen einzigen Vorwurf für elende, arme
und zerschlagene Herzen?
Welch eine Geduld hat Er mit einem jeden von uns gehabt! Wie hat Er uns
wie eine Mutter ein ums andere Mal ein- und dasselbe Wort gelehrt! Niemand hat einen
größeren Grund gefunden, sich Seiner Geduld zu rühmen, als der, der lange genug in der
Schule des Geistes gewesen ist, um sich selbst zu kennen. Wie sollte die Seele die
Früchte Seines Todes genießen können, wenn sie sich nicht jede Stunde Christi Verdienst
zueignen dürfte? Der, der nicht seinen eigenen Ruhm verloren hat, verrät seine eigene
Unkenntnis.
Laß es dahingestellt sein, daß die Fehler, die das Hohelied beklagt,
nicht die Sünden des gewöhnlichen Christentums sind, sondern nur eine zufällige
Abweichung, eine vorbeigehende Trägheit, Fehler, die man beweinen und damit zeigen muß,
daß die Seele das feinste geistliche Gefühl gefunden hat. Sie hat genügend viele
Fehler, um Seiner Liebe unwürdig zu sein. So ist es mit einem jeden von uns. Er liebt um
Seinetwillen.
2. Die Liebe, mit der Er seine Braut umfaßt, ist eine sehr milde
Liebe.
Während der Sturm über die Erde rast, verbirgt Er seine Taube in
den Felsspalten (Hoh. 2,14), und während der Tod überall herrscht, darf sie am Herzen
des Freundes ausatmen (2, 11). Er macht sie selbst an Leben und Unvergänglichkeit
teilhaftig, ihr Gemach von Zedern und Zypressen bauend, und über dem Raum des Leidens
weht das Banner Seiner Liebe (1, 17. 2, 4). Er würde lieber sterben als Seine Braut
preiszugeben, und Er verträgt es nicht, daß jemand sie stört. Einsame Seele, es gibt
Raum in Seinem Herzen für dich. In Seiner herablassenden Liebe will Er Freud und Leid mit
Seiner Auserwählten teilen. Seine Frage: "Meine Kinder, habt ihr etwas zu
essen?" ist das Echo der menschgewordenen Liebe und zeigt, daß der Erlöser, der in
allem den Brüdern gleich sein muß, und der König, den der Herr auf Seinen Thron gesetzt
hat, dem Wesen nach derselbe ist. Du darfst mit aller deiner Not zu Ihm gehen. Sprich mit
deinem Freund über alles, deine Kinder, deine Arbeit, deine Enttäuschungen, deine
Hoffnungen usw.
"Kommt zu mir", sagt Er, "so werdet ihr Ruhe
finden." Wie das Kind so herzig auf dem Kissen der Mama ruht, so hat die Geliebte in
Seiner Nähe Ruhe gefunden, denn sie ist im vollen Bewußtsein Seiner Liebe, und alles
trägt das Zeugnis Seiner väterlichen Fürsorge. Der Bräutigam selbst sitzt neben ihr
wie eine Mutter an der Wiege des Kindes und sagt: "Ich beschwöre euch, Töchter
Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hirschkühen des Feldes: Weckt nicht, stört
nicht die Liebe, bevor es ihr selber gefällt." Daher kann sie, trotz aller, die sie
versucht haben, ihrem Herrn mit reinem Herzen begegnen, wenn Er sie auf's Neue in Seinen
Weinberg ruft: "Mach dich auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm! Denn siehe,
der Winter ist vorbei, die Regenzeit ist vorüber, ist vergangen." (Hoh. 2, 10-11).
Wir würden bald von der Welt bezaubert werden, wenn nicht Seine milde Liebe über uns
wachte. Die Geschwisterseele muß immer tiefer die Milde Seiner Liebe spüren. Sonst
würde sie ein "Zuchtmeister" anstelle einer geistlichen Mutter werden. Daher
muß der Herr uns so gründlich plattdrücken, damit wir keine andere Zuflucht als
"das Blut und die Wunden" haben. Wahre Heiligung hat ihren Ursprung am Kreuz.
Von einem tieferen Werk des Geistes ist eine tiefere Erkenntnis des Schmerzensmannes
untrennbar. Keiner singt das Lied des Lammes höher als der, der durch Sein Opfer
geheiligt worden ist.
Es kommen Zeiten, da wir nichts anderes machen können als zu leben.
Nicht zuletzt dann gilt es, in Christus verborgen zu sein. Die Umgebung achtet unsere
Botschaft nicht, und wir gehen verstummt einher (Hes. 3, 15). Oder Er nimmt uns aus dem
arbeitsamen Leben heraus, um in der Einsamkeit mit uns zu sprechen. Mitunter wissen wir
jedoch nicht warum. Aber verborgen in den Wunden sind wir sicher, und unser Geist wird
rein vom Staub der Erde wie der Augapfel unter dem geschlossenen Auge bewahrt. Es ist eine
unbeschreibliche Gnade, vom Herren selbst willkommen geheißen zu werden, wenn Er uns
wieder zu Seiner Arbeit mit den Worten "meine Taube!" ruft. Denn manche
Seele, die dazu berufen war, Seine Worte vom Dache zu predigen, hörte Seine Stimme nicht
in der Kammer.
Möge etwas von dem Geist, der den Ruf hervorbrachte: "Der Herr
ist Gott!", die einsamen Stunden unseres Lebens verklären.
Wenn dir Gottes Absichten fremd sind, kannst du niemals den Weg des
Leidens verstehen, sondern meinst, daß die Prüfung Strafe für Sünde sein muß.
Insbesondere ist es schwer für den, der im Herrn nur einen Gesetzgeber sieht, einen
höheren Grund für unser Leiden als die Sünde zu begreifen. So war es der Fall mit den
Freunden Hiobs, die den Herrn erzürnten, obwohl sie verständig redeten. Jeder leidende
Christ, glaube ich, hat mit Hiobs Tröstern irgend eine Bekanntschaft machen müssen, aber
der, der auf dem Herzen des Bräutigams liegt, hat noch mehr den Tröster, den Heiligen
Geist, kennenlernen dürfen. Mit der Milde einer Mutter wacht Er über uns in den Stunden
des Leidens und hat wirklichen Trost zu schenken. Ich will lieber mit Ihm in der Hitze der
Prüfungen sein als ohne Ihn im ganzen Glück der Erde.
Auf wunderbaren Wegen geht der Wunderbare. Er führt Seine
Auserwählten durch das Meer, nicht weil es notwendig ist, sondern weil es göttlich ist.
Ihr Übergang zum Leben muß der Weg des Todes sein, denn ihr Helfer in der Not ist wunderbar.
Sie müssen die Zucht durchmachen, um die Friedensfrucht der Rechtfertigkeit zu gewinnen,
und jedes Tal, wo die Traube reift, ist mit Eisenwagen besetzt. Denn Er will durch Seine
Offenbarung die Anbetung Seines Volkes gewinnen. Nur dadurch können wir im Segen gesegnet
sein. In der Welt des Glaubens fließt Milch und Honig, solange der Herr unser Gegenstand
ist. Unser Leben ist, Gott zu kennen.
Die Not ist eine gesegnete Schule, in der man Gott und Sein Erbe in Ihm
kennenlernen darf. Durch Leiden und Schmerz hat Gott immer Seinen Kindern beigebracht, in
einer tieferen Tonart zu singen. Wo andere uns bedauern, finden wir den größten Grund,
den Herrn zu preisen. Sei daher guten Mutes! Der Herr sorgt für dich. Wenn es auch durchs
Meer geht, wird Er doch deine Seele zur Ruhe bringen. Er hat den Arm Seiner Heiligkeit
entblößt, der niemals im Tode einschlafen wird. In Leid und Schmerz ruhe auf Ihm. Bricht
dein Herz vor Kummer - hier gibt es Balsam für schmerzende Wunden. Komm zu Seinem milden
Herzen!
3. Er umfaßt Seine Auserwählte mit der Liebe eines Bräutigams und
freut sich über sie.
Als Seine Braut lieben wir Ihn, weil Er uns geliebt hat. Dazu haben
wir das Gebot bekommen, Ihn über alles andere mit der allertiefsten Liebe zu lieben.
"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner
ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand." Dies nicht nur, weil wir verpflichtet
sind, so zu tun, sondern weil unsere Liebe Seinem Herzen so teuer ist, daß Er keinen
anderen Lohn fordert. Er hat uns selbst mit einer Liebe geliebt, die alle Erkenntnis
übersteigt, und will im Austausch unsere innerlichste Liebe haben.
Wenn die Gemeinde Ihn mit der ehelichen Liebe umfaßt, wovon die
Schrift spricht, freut Er Sich über Seine Braut und sagt: "Wie lieblich ist deine
Liebe! Ja, lieblicher als Wein; und der Duft deiner Salben übersteigt allen
Wohlgeruch.". Über allem, was wir Ihm geben können, ist die Liebe aus reinem Herzen
das beste Kleinod. Sein Herz genießt unsere Liebe zu Ihm mehr als die Herrlichkeit des
Himmels und die Gottesverehrung der Gemeinde.
Wenn sie ihre Pforten weit macht, zieht der König der Ehre ein mit
Freude. "An jenem Tag wird in Jerusalem gesagt werden: Fürchte dich nicht, Zion,
laß deine Hände nicht erschlaffen! Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held,
der rettet; er freut sich über dich in Fröhlichkeit, er schweigt in seiner Liebe."
(Zeph. 3, 16-17). Die Freude, die Er über Seine Braut hat, ist unaussprechlich. Solche
Ausdrücke wie diese: "Du bist ganz und gar schön, meine Geliebte" und
"wie lieblich ist deine Liebe" sind Ausdruck für die innerlichste Freude.
Ein hervorragender Missionar traf nach einer langen Abwesenheit seine
Frau in London. Aber die Freude, einander wiederzusehen, war so groß, daß sie nur durch
Freudentränen miteinander sprechen konnten. Diese Liebe war ein Geheimnis für ihre
eigenen Herzen und konnte nicht genannt werden. Kein Mensch hat je einen in des Wortes
vollem Sinne würdigen Ausdruck für die Freude finden können, die der Bräutigam in
Seinem Herzen über uns hat.
Welche Sabbatruhe in Seiner Nähe, wenn zwei Herzen, die einander
besitzen, sich einander mitteilen, leise, ohne Worte. Hast du so etwas erfahren?
4. Er liebt uns mit der Vertraulichkeit eines Freundes.
Er, der uns mit Seinem eigenen Blut für Sich selbst erkauft hat,
sucht die ganze Zuneigung unserer Seele zu gewinnen. Er läßt es Sich nicht mit dem
bloßen Anerkennen Seines Rechtes, uns zu besitzen, genügen, Er will, daß wir Ihn über
alles mit einer unaussprechlichen Liebe lieben, so daß es zwischen unseren Herzen und
Seinem einen Austausch der Liebe geben kann. Er will, daß wir eins mit Ihm sein sollen,
wie in der ehelichen Vereinigung Mann und Frau nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch sind.
Und diese zwei, der Bräutigam und seine Braut, finden keine Ruhe, bevor sie nicht
beieinander in den Herzen ruhen. In dieser Gemeinschaft, welche von niemand anderem als
der Braut selbst verstanden werden kann, sind Jesu Worte: "Ich in ihnen und sie in
mir, daß sie in eins vollendet seien." für uns zu einer Wirklichkeit geworden.
Es ist die offene, freimütige Liebe -wie in einem guten Verhältnis
zwischen Ehepaaren-, die im Hohenlied ausatmet: "Schön bist du, meine
Freundin." So spricht der Freund. Die Braut antwortet mit einem Echo Seiner Liebe:
"Mein Geliebter ist weiß und rot, hervorragend unter Zehntausend."
Sie rühmt sich der Liebe ihres Herrn, und sie zaudert nicht, den
mildesten Ausdrücken Seiner Liebe zuzuhören, und auch nicht, ihre eigenen tiefen
Gefühle auszusprechen: "Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein." Sieh da,
was die Burg für die gesegneteste Freiheit und das höchste gegenseitige Vertrauen ist.
Diese Liebe beinhaltet eine solche Vertraulichkeit, daß sie einander alles erzählt, und
eine vollkommene Freiheit, in der man nie einen Vorwurf fürchtet. Ausdrücke, die sonst
anstößig erscheinen könnten, werden hier geheiligt, so daß sie nicht nur gebührend
und passend, sondern schlichtweg notwendig sind.
Hat die Schrift uns nicht bezüglich unseres Umganges mit Gott zu
dieser Freimütigkeit im Glauben ermahnt? Was bedeuten sonst Worte wie diese: "Sorget
nichts, sondern in allen Dingen lasset eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagung vor
Gott kund werden. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christo Jesu!" (Phil. 4).
Der Herr hat angesichts Seiner Stellung zu uns gesagt: "Ich nenne
euch nicht mehr Sklaven ... euch aber habe ich Freunde genannt." Versprach Er nicht
bei Seinem Weggang, den Tröster zu schicken, der uns an alles erinnern und uns alles
lehren soll? Gottes Geist erforscht alles, ja sogar die Tiefen Gottes.
Auf der einen Seite sind wir zu einer so offenherzigen und
vertraulichen Gemeinschaft ermahnt worden, daß wir sogar unsere Wünsche berichten und
Ihm damit das Vertrauen eines Freundes schenken sollen. Auf der anderen Seite will der
Herr uns an alles erinnern, uns alles lehren, alles erzählen und alles für uns
erforschen.
Welch unaussprechlicher Friede wird einem jeden von uns in dieser
Gemeinschaft angeboten! Wie wird Seine Liebe unsere Herzen zerbrechen und die Seele außer
sich werden bei Seinen Worten: "Öffne mir, meine Schwester, meine Freundin, meine
Taube, meine Vollkommene! Denn mein Kopf ist voller Tau, meine Locken voll von Tropfen der
Nacht."
Ich beschwöre dich bei Seiner Liebe, laß Ihn ins Brautgemach und
sprich vertraulich mit deinem Freund. Schenke Ihm die ungeteilte Liebe deines Herzens und
werde Sein! Aber sieh zu, daß du Christus nicht mit deiner eigenen, sondern mit Seiner
reinen Liebe umfassest.
Der, der in den Lüsten des Fleisches lebt, ist unter der Verdamnis.
EIN GEFANGENER KÖNIG
Hast du bei der Abfahrt des Zuges eine Hand gedrückt, die die
liebste auf Erden war? Vielleicht eine Vater- oder Mutterhand, die Hand eines Freundes
oder Bruders? Oder bist du einmal am Ufer gestanden und hast mit dem Taschentuch in deiner
Hand zum Abschied gewunken, während die Tränen unaufhörlich deine Wangen hinabliefen?
Während der Eisenbahnzug forteilte oder das Dampfschiff in die blaue Ferne verschwand,
hatte der Gegenstand der Liebe dein Herz mit sich genommen, und das Meer konnte euch nicht
trennen.
Das Herz einer Mutter geht mit, wenn auch das Kind in ein fremdes Land
reist. Nicht einmal der Tod kann die scheiden, die die Herzen voneinander besitzen.
"Warum weinen?" sagte ich einer Mutter, "Emmy ist heim zu Gott
gegangen." - "Ach", antwortete sie, "Emmy hat mein Herz mitgenommen,
und nur das Wiedersehen kann mich trösten." Weil mein Freund über alle erhaben ist,
weiß ich, daß weder Leben noch Tod uns voneinander scheiden können. Seine Verheißung:
"Ich bin bei euch alle Tage." ist eine selige Wirklichkeit.
Seitdem der Menschensohn der Erde zum Abschied gewunken hat, hat Er uns
niemals vergessen können. Und nur das Wiedersehen kann Ihn trösten. Dann wird Er
sehen und gesättigt werden.
Während des Kampfes der Gemeinde ist sie der einzigste Gegenstand, der
Ihn gefangen nimmt, "weil er immer lebt, um sich für sie zu verwenden." (Hebr.
7, 25). Wie könnte Er Sich nach Seiner Menschwerdung so über die Herrlichkeit freuen,
die Er beim Vater hatte, wenn diese Ihm nicht für Seine Braut gegeben worden wäre und Er
sie nicht in Sein schönes, hoch über den Stürmen, Kämpfen und Gefahren der Erde
gelegenes Heim nehmen dürfte? (Joh. 17).
Satan hat geschworen, Seinen Plan zunichte zu machen. Und der Zeitgeist
übt einen fast unwiderstehlichen Einfluß auf einen jeden aus, der zur Welt gezogen wird.
Wenn sich daher jemals der Gedanke, daß der Bräutigam uns verlassen habe, aufdrängen
sollte, wird das durch eine solche Erfahrung beklommene Herz mit Düsterkeit, Unruhe und
Unsicherheit erfüllt. Sollte die Braut, wenn auch nur für einen Augenblick, sich von der
Welt beeinflußt fühlen, streckt sie ihre Hände dem Bräutigam hin und sagt: "Zieh
mich zu dir!" Der himmlische Freund ist so nahe wie eine Mutter ihrem Kind, wenn
es an ihrem Gängelband geht. Sollte Er Seine Auserwählte an der Grenze zur Ruhe
zurücklassen und niemals Sein Werk in unseren Herzen zur Vollendung bringen? Das sei
ferne! Der nächste Augenblick wird die Botschaft mitbringen, daß der König uns in Seine
Säle führt (Hoh. 1, 4).
Deinen einsamen Weg kennt Er, und Er folgt dir Stunde um Stunde.
Ganz klar hat Er dich so liebgewonnen, daß Seine Augen und Sein
Herz dir beständig folgen. Alle Angst, daß der Herr dich verlassen haben sollte, ist
ganz und gar unbegründet, denn Er hat selbst gesagt: "Ich will dich nicht versäumen
noch verlassen." (Hebr. 13). Wo du gehst, stolpernd auf dem Weg, den du nie zuvor
betreten hattest, wird der Bräutigam selbst dein Auge sein. Nichts, was uns angeht, liegt
außerhalb der Grenzen für Seine Sichtweite. Das Land, das du in Besitz genommen hast,
ist "ein Land, auf das der Herr, dein Gott, achthat. Beständig sind die Augen des
Herrn, deines Gottes, darauf gerichtet vom Anfang des Jahres bis zum Ende des
Jahres." (5. Mose 11,12). Niemals wird Er für einen Augenblick Seine Aufmerksamkeit
von dir nehmen, und wie sich auch alles auf der Erde ändern mag, wird doch der Bräutigam
selbst jede Kleinigkeit in Seine Hand nehmen und werden Seine Augen über dir wachen.
In Seiner Pflege vom Anfang des Jahres bis ans Ende wird deine Seele
wie ein wasserreicher Garten sein. Der selige Umgang mit Ihm wird ein unbegrenztes Elim
für deine Seele und eine Freistadt während der Kämpfe des Erdenlebens sein. Wenn du
auch ein einsames Gebiet durchwandern mußt, wird doch der Bräutigam selbst deine Feuer-
und Wolkensäule sein. Und mitten in der Nacht des Kummers und Leidens wird Er Sein Kind
ruhig unter der Obhut von himmlischen Wesen ruhen lassen (1. Mose 28). Der Freund ist
allezeit nahe. Während du auf der Reise bist, was kann da für dich lieblicher sein als
Seine Gesellschaft? Wo gibt es einen Himmel ohne Ihn, und wo auf der Erde könnte nicht
ein Himmel mit dem Bräutigam deines Herzens sein? Als Jakob aus seinem Traum erwachte,
rief er aus: "Das muß ein heiliger Platz sein!"
Ist nicht Seine Gegenwart imstande, jeden leeren Raum zu füllen?
Bist du einsam auf der Erde? Ist deine Mutter gestorben? Sein Herz
und Seine Arme stehen offen für dich. Hast du deine schöne Rahel verlassen müssen?
Erneuere deinen Bund mit dem Herrn; und während die Seele ihre Hochzeit feiert, wird die
Trauerweide ihre Juwelen fallen lassen (1. Mose 35). Scheint die Zukunft dunkel zu sein?
Sammle das Verlangen deiner Seele und die Hoffnung zur Aussicht, Ihn zu gewinnen! Dann
sind deine Verluste der Beginn eines Lebens ohne Enttäuschungen. Klagst du: "Einsam
und verlassen ist meine Seele!" - Sein Herz folgt mit. Wenn niemand anders mitgeht,
folgen dir Seine Augen, denn "des Herrn Augen durchlaufen die ganze Erde, um denen
treu beizustehen, deren Herz ungeteilt auf ihn gerichtet ist." Bist du zu einer
Wohnung Gottes durch den Geist geworden, werden Seine Augen und Sein Herz für immer
bei dir sein.
Ist nicht diese Gewißheit voller Hoffnung? Was wird Er nicht für
Seine Geliebte tun?
Auf der Jubelfahrt deines Geistes, aber auch im finstern Tal folgen
dir Seine Augen, und Sein Herz geht mit. Beim Ruf der Schar: "Der Herr ist
Gott!" und in Stunden der Mutlosigkeit ist Er derselbe. Er freut sich genauso über
den Auftrag eines Engels am Dornbusch wie über Elias Auftrag auf der Höhe Karmels. Wie
sollte Er Seinen Auserwählten zulassen, wie ein Hund zu sterben, da Er doch vor langem
bestimmt hat, sie mit Ehre aufzunehmen? O, welche Labsal. Ein Tisch und eine Festmahlzeit
mit einer strahlenden Bedienung in der Wüste Beer-Sebas! Bald kommen dir Siebentausend
zur Hilfe gegen diese mörderischen Zweifel (1. Kön. 17).
Wenn Er sich deiner Erlösung angenommen hat, ist Er auch mächtig, sie
durchzu- führen. Er, der König für die Seinen ist, wird die Verheerungen des Feuers auf
die Bänder, die die Welt gesponnen hat, begrenzen, und Er wird der Seele, die Er
auserwählt, eine hohe und heilige Gesellschaft geben (Dan. 3). Der Hitze der Prüfung hat
noch nie ihr Gottessohn gefehlt, auch ist die Löwengrube nie vernachlässigt worden. Wo
gibt es einen Grund für Gottes Volk, an seinem Gott zu zweifeln? Die Schwierigkeiten
können wie der Schnee unter der Wärme der Frühlingssonne zerschmelzen, wenn unsere
Augen auf einem lebendigen und allmächtigen Gott ruhen.
Weil alles unter Seine Füße gelegt ist, müssen Engel und Menschen,
ja alles unter Seiner eigenen Oberaufsicht zu unserer Vervollkommnung zusammenarbeiten.
Denn "wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen."
(Röm. 8, 28). Wenn der Weg auch durch Tod und Schwert geht - wie geschrieben steht:
"Um deinetwillen werden wir umgebracht den ganzen Tag" - können wir doch mit
Freude ausrufen: "Aber in diesem allen sind wir mehr als Überwinder durch den, der
uns geliebt hat." Denn Sein Herz geht mit. Und wenn wir es gelernt haben, Ihn mehr zu
lieben, werden wir Seine Wege besser verstehen.
Was schadet es mir da, von den Söhnen meiner Mutter verachtet zu
werden? Was macht es da wohl aus, wenn die Wächter mich geschlagen haben? Sein Herz geht
mit, und mein Leben ist eine Hochzeitsreise.
"Stunde um Stunde in Liebe er mich trägt,
Stunde um Stunde sein Leben er mir beschert.
Schauen darf ich in seine Herrlichkeit hinein;
Stunde um Stunde, o mein Gott, bin ich dein.
Niemals eine Schwäche zu groß für seine Gnad,
Niemals eine Krankheit, da er nicht weiß Rat.
Stunde um Stunde, in Weh und in Wohl
ist Jesus nahe meiner sehnenden Seel."
Eine Verschleierte
Wir kehren zur Erfahrung der Braut zurück. Das erste Mal, als
Er sie mit Seiner Liebe zu Sich zog, dachte sie hauptsächlich an sich selbst, ihre
Erlösung, ihre Freude in Ihm, ihr Glück mit Ihm. Nicht ausschließlich um Seinetwillen
weihte sie das erste Mal Ihm ihr Leben, denn da hatte sie es nicht gelernt, Ihn völlig zu
schätzen, sondern bewegte sich um die Arbeit in Seinem Weinberg, das Vertrauen und den
Einfluß, den Er ihr geben würde. Sie kam auf Seine eigenen Worte hin, um gesegnet zu
werden. Sie wurde gesegnet. Die Liebe gewann. Sie "flieht" mit ihrem Freund,
weil sie von Ihm "gezogen" wird.
Nach dem Tag des Bundes am zerbrochenen Felsen begann Er mit ihr zu
reden, auch von den kleinen Füchsen, die den Weinberg zerstören, und gab damit deutlich
zu erkennen, mit welchen hohen und heiligen Interessen Er Seinen Gegenstand umfaßte. Um
was sich niemand anderer kümmerte, das machte Er zum Thema des Gespräches mit der Braut,
und sie bekamen dadurch die Gelegenheit, einander in die Herzen zu schauen, und sie
gewannen sich immer lieber. Und gibt es irgend eine Wahrheit in unserer Übergabe, dann
wird der Herr uns Seine Gebote anvertrauen; und Gehorsam muß die Frucht einer heiligen
Übergabe sein. Ein ernsthafteres Leben, in dem der Geist Gottes sogar solches straft, was
unsere christlichen Freunde nicht für Unrecht halten, deutet gewöhnlich darauf hin, daß
die Seele ihrem Gott näher gekommen ist.
Es entsteht immer aufgrund dieser Übergabe ein Unterschied zwischen
Christen und Christen: Der eine hat Seine Gebote, der andere dagegen hat sie nicht. Sie,
die angefangen hat, nach der Gerechtigkeit zu hungern und dürsten, freut sich über die
Züchtigung des Geistes und sagt: "Mein Geliebter ist mein, und ich bin sein."
(Hoh. 2). Weil Er mir das Geheimnis Seines Willens kundtut, kann ich sicher wissen, daß Er
mein ist. Ganz und gar mein! Welche Freude, Ihn zu besitzen! Und doch liegt eine noch
größere Seligkeit darin verborgen, Sein zu sein. Wenn der Bräutigam uns mit der
ganzen Kraft der Liebe des Wohlbehagens umfaßt, ruft die Seele aus: "Ich gehöre
meinem Freund, und zu mir steht sein Begehren." Dann hat sie das Ziel ihrer Sehnsucht
gewonnen. Wie sollte sie trauern, solange der Bräutigam nahe ist? Sie wirft ihre ganze
Sorge für das eigene Leben auf Ihn. Er wird Sein teuer erkauftes Eigentum bewahren.
Sie hatte sich das erste Mal durch den Glauben übergeben. Nun liebt
sie mit einer Liebe, stark wie der Tod, und übergibt sich Ihm wieder aus Liebe.
Siehe, sie ist so von Seiner Schönheit eingenommen, daß sogar das
Lied über Seine Lilien verstummt ist. Sie scheint kein Bedürfnis zu haben, die
Gemeinschaft mit Ihm mit einer äußeren Herrlichkeit in Verbindung zu setzen, denn Er ist
selbst die Summe von allem für ihr Herz. Den letzten Bund, den sie mit ihrem Freund auf
dieser Seite des Meeres eingeht, hat sie mit folgenden Worten ausgedrückt: "Leg mich
wie ein Siegel an dein Herz, wie ein Siegel an deinen Arm! Denn stark wie der Tod ist die
Liebe, hart wie der Scheol die Leidenschaft. Ihre Gluten sind Feuergluten." (Hoh. 8,
6). Ach, wie nahe muß sie da den Pforten des Himmels sein! Wie ist sie durch diese Liebe
von der Erde freigekauft worden! Entbrannt von dieser "Flamme des Herrn" hat sie
nur eine Leidenschaft übrig, und das ist Jesus allein. Der, der Sein Herz besitzt, darf
auf Seinem Arm ruhen. Seine Liebe und Allmacht stehen zu ihrer Verfügung. Das ist der
Höhepunkt der Heiligkeit. Solange die Blume in den Knospen verschlossen ist, ist die
innere Schönheit weniger entwickelt, als wenn die Bande zerbrochen sind und sich ihr
reiner Kelch für die Sonne öffnet. Je mehr unser Leben durch Übergabe an den Herrn
geöffnet wird, desto mehr werden wir Sein Bild tragen. Aber wie der Duft der Blume
niemals ihr eigener ist, sondern eine freie Gabe an den auserwählten Gegenstand von der
Freigebigkeit der Natur, so ist alles aus Gnade. Wie könnte Aser der Liebling seiner
Brüder werden, wenn er nicht seinen Fuß in Öl getaucht hätte (5. Mose 33, 24)? Aber
der Ölstrom fließt aus dem Gnadenthron. Soll die Braut Christi Stellvertreter auf Erden
sein können, muß sie Stunde um Stunde von Ihm leben wie der Zweig von des Stammes Leben
und vom Fett der Wurzel. Er ist uns von Gott zur Heiligung gegeben. Nur Er ist deine
Liebenswürdigkeit.
Die Liebe macht frei. Die Welt bezaubert nicht die Braut des Lammes.
Sie fragt nicht nach den Meinungen anderer. Von ihrem Herrn gewonnen nimmt sie das
"Zeichen der Macht" an, durch das sie als die "Ehefrau eines Mannes"
offenbar wird. Vom Geist versiegelte Seelen gehen verschleiert durch die Welt. Wahre
Heiligkeit ist, sich selbst zu sterben. Die wahre Liebe ist niemals ihr eigener
Gegenstand.
Die Locken sind das Symbol des Schleiers, den die verheiratete Frau als
Zeichen für die von Gott gegebene Machtstellung des Mannes über sie trug (1. Kor. 11).
Das Vorbild in Hoh. 7, 5 bezieht sich teils auf unsere Absonderung, teils auf das vom
Geist bei echten Brautseelen gewirkte bescheidene und ergebene Gemüt.
Die Sonne hat es sich zur Aufgabe gemacht, jede Blume zu malen, die sie
aus der Erde auferweckt hat. Der Bräutigam unseres Herzens wird auch Seine Eigenschaften
auf Seine Auserwählte überführen. Aber sie muß zum Bewußtsein um die Stellung, die
sie als Braut des Lammes sowohl in diesem als auch im kommenden Zeitalter hat, erweckt
werden.
Sie wurde auf die Erde gesetzt, um ihren Gott und Heiland zu
verherrlichen. Darum muß sie verschleiert sein.
Wenn wir einige Eigenschaften betrachten, durch die die Braut gleichsam
ein Schild für diese Welt sein soll, werden wir leichter verstehen, was es heißt,
verschleiert zu sein. Ein goldener Draht im Schleier der Braut ist
Bescheidenheit.
Diese hat jedoch keine Verwandtschaft mit der Bescheidenheit, die
ein Mensch beachtet, um nicht seine eigene Ehre zu verletzen, indem er selbst hervorragt.
Sie ist eine auf Leben und Natur gegründete und vom Geist gewirkte Bescheidenheit, fast
genauso unbewußt von sich selbst wie das Lächeln der Blume. Die ungezwungene Äußerung
des Lebens des Herzens ist immer so natürlich und schön bei warmen Geschwisterseelen.
Je höher die Ziele sind, die der Mensch umfaßt, desto bescheidener
ist er.
Wie bescheiden war doch der große Heldenkönig Gustav II Adolf,
als er sich vor einigen Kindern, die ihm aufwarteten, als "ein armer Sünder aus
Schweden" präsentierte. Wie muß man da die Worte des heidnischen Philosophen
achten: "Meine Weisheit besteht darin, daß ich weiß, wie wenig ich weiß." Was
kann sich der Mensch rühmen in einer Welt, in der das Wissen so mangelhaft ist, daß
sogar die besten Äußerungen des aufgeklärten Verstandes wie Kinderlehren sind im
Vergleich zum Wissen in Gottes Licht dort droben. Und wenn alles aus Gnade ist, was sollen
wir da von uns selbst sagen!
Die besten Menschen, die jemals gelebt haben, haben ihre Gesichter
verhüllt und bekannt, Staub und Asche zu sein (1. Mose 18). Wer hat weniger Wesen von